Neodada-Party der Papp-Römer

12. August 2003, 14:11
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Fotolabor Kreuzlingen bei Festspielen

Salzburg - Festspiel-Schauspielchef Flimm trat am Samstag der schmalen Gemeinde an Salzburger Theaterbegeisterten bei, die um Mitternacht im "republic"-Foyer noch neugierig waren auf das "Fotolabor Kreuzlingen" - dem Vernehmen nach eine Zürcher Darstellerguerilla um einen ambitionierten Discobetreiber namens Philipp Meier. Aus welchen Quellen der Neodada-Spuk mit sehr begrenztem Unterhaltungswert auch gesprudelt sein mag - der unter dem Titel Abenteuer der Menschlichkeit - Die tanzende Warteschlaufe zum Jenseits avisierte "Drüberstreuer" über einen langen Festspieltag hinterließ gelangweilte Mienen sowie ein gewisses Misstrauen gegen das Qualitätsempfinden der scheidenden Theaterprogrammierer.

Der erste Abend in der Trias der Kreuzlinger Auftritte (8. 8: DJ Arschloch und 9. 8.: Kehrwoche) entpuppte sich als Geduldsprobe für Mitternachtsschwärmer, die vergeblich auf irgendeine Form der Erregung warteten. Vielmehr war das Publikum angehalten, sich unter Relikte aus dem Fundus eines Asterix-Fanklubs zu mischen und vor den Kameras eines Doku-ORF-Team so zu tun, als würde man die Theaterrevolution der 60er-Jahre wiederentdecken und diesen Akt der ästhetischen Archäologie spannend finden. Bei der Eröffnungsperformance des Fotolabor Kreuzlingen durfte man Papp-Römern beim Rülpsen zuhören, einem hinkenden Engel nachschleichen oder einer Chansonette lauschen.

Tische wurde hin- und hergewuchtet, ein vergammelter Senator versuchte sich im Stepptanz, bedient von einem Kammerdiener aus der Mozart-Zeit. Das blasse Triptychon dürfte der Negativheuler des diesjährigen "Young Directors Project" werden, sollten sich die Folgeakte am Freitag und Samstag ebenfalls im Rahmen verschimmelter Nichtigkeiten von vorgestern halten. Jürgen Flimm sollte sich auch überlegen, ob er Theaterklientel zu später Stunde aus abendlichen Vergnügungen holt und dann tödlicher Langeweile aussetzt.

Trost war vor allem vor dem ehemaligen Stadtkino zu finden. Dort tobt täglich das Leben bis zum Morgengrauen. Drinnen herrschte das Grauen einer Peepshow des Dilettantismus. Falls die Truppe wirklich aus der Hauptstadt des Dada kommt, sei ihr ein Basisstudium der Altvorderen empfohlen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 4.8.2003)

Von
Anton Gugg
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