Seziermesser statt Dirigentenstab

12. August 2003, 14:11
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Staatskapelle Dresden in Salzburg

Salzburg - Mit analytischem, kühlem Blick näherte sich Daniel Harding im Großen Festspielhaus Brahms' Vierter Symphonie: Die ohnehin stark kontrastierenden Themen des Kopfsatzes präsentierte Harding wie mit dem Textmarker unterstrichen, so klar und geradezu explizit voneinander abgehoben dröselte er die vielfach verflochtenen Themenstränge auf. Jede Wiederholung der vielen Themen und Motive verriet Gestaltungswillen und Reflexion. Eine pulsierende Grundspannung hielt die der unbarmherzigen Analyse unterworfenen Elemente zusammen und ließ sie Musik werden. Die Staatskapelle Dresden folgte den asketischen Vorgaben des Dirigenten mit klarem, unsentimentalem Streicherklang mit wenig Vibrato und konzentriertem, gebändigtem Bläsersound.

Das Mikroskop blieb über der Partitur, musikantischer Überschwang kam nicht auf. Umso wirkungsvoller war dann etwa das Aufblühen der ersten gestrichenen Geigenlinien nach dem durch die Bläsereinleitung geisternden Pizzicato-Thema im zweiten Satz. Interessant nicht nur, wie Harding mit der Themenvielfalt umgeht. Auch Lautstärke und Klangfülle wurden wohl dosiert und daher effektvoll eingesetzt. Im Piano schlummerte durchwegs die Spannung des Forte. Dagegen schien es selbst im Crescendo gegen Ende des dritten Satzes, für den zusätzlich Piccolo, Kontrafagott, Triangel und eine weitere Pauke verlangt werden, noch Reserven zu geben.

Im ersten Teil des Abends erklangen die drei für Streichorchester bearbeiteten Sätze aus Alban Bergs Lyrischer Suite: introvertiert, durchaus geschmeidig im Klang, aber nicht wirklich packend. Diese hochemotionale Musik, die eine tragische Liebesbeziehung Bergs mit einer verheirateten Frau zum Programm hat, braucht Emphase, nicht Analyse. Melanie Diener sprang kurzfristig für die erkrankte Anna Netrebko ein und sang die Arie der Elsa "Einsam in trüben Tagen" aus Wagners Lohengrin und die Arie der Fiordiligi "Come scoglio" aus Mozarts Così fan tutte. Die Elsa-Arie gestaltete sie als schlichtes, von Hoffnung überstrahltes Gebet - den Text unterlegt mit dem kostbarem Blattgold perfekten Vokal- und Registerausgleichs. Die Fiordiligi-Arie blieb daneben, auch begleitungsbedingt, ein wenig verloren im Raum stehen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 4.8.2003)

Vin
Heidemarie Klabacher
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