Saftiger Salzburger Verdi-Populismus

3. August 2003, 23:16
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Remake von Herbert Wernickes "Don Carlo"-Inszenierung im Großen Festspielhaus

Salzburg - Verdis Don Carlo müsste eigentlich die Lieblingsoper unseres Herrn Bundeskanzlers und seines versatilen Finanzministers sein: Kaum beginnt das Volk zu murren und sich zu erheben, ist auch schon der Herr Großinquisitor da. Und schon gehen alle in die Knie, und alles ist wieder paletti. Bei uns in Wien findet sich gegenwärtig nicht einmal ein Kulturpolitiker mit genügend Statur, um dem kindischen Hickhack zwischen der Staatsoper und den Salzburger Festspielen ein Ende zu bereiten.

So ist die Oper halt doch die bessere Welt. Selbst dann, wenn man in der geradezu aufdringlich an das neue St. Pöltner Regierungsviertel erinnernden Szenerie des nun auch schon seit über einem Jahr seligen Herbert Wernicke eher und natürlich vergeblich einen markigen Auftritt von Erwin Pröll als jenen des Finsterlings Philipp II. und seines von Liebesnöten gepeinigten Anhangs erwartet.

Was insofern bedauerlich ist, als nur zwei Herren in diesem Wernickes Andenken gewidmeten Remake seiner im Jahr 1998 geschaffenen Salzburger Festspielproduktion die gleiche Power entwickeln wie der blau-gelbe Volkstribun: Kurt Rydl als Großinquisitor zum Vorteil der Aufführung, Valery Gergiev, der sich über den Wiener Philharmonikern am Dirigentenpult echauffiert, zu deren ohrenbetäubend lärmendem Nachteil. Ersterer komprimiert und verdichtet gerade die heutigen Assoziationsbereichen am weitesten entfernte Partie des Großinquisitors zu beängstigend an gegenwärtige westliche Kriegsrechtfertigungen gemahnender dramatischer Wucht.

Valery Gergievs Intentionen gehen leider in die konträre Richtung. Er serviert einen von den Philharmonikern mit erstaunlicher Bereitwilligkeit zusammengepappten und vor Saft und Schmalz ordinär triefenden Orchestersound.

Der Rest ist konventioneller Operngesang von neutraler Qualität. Auch wenn man allen Mitwirkenden zugute halten muss, dass es angesichts eines so massiven orchestralen Populismus nicht einfach ist, sich als Solist überhaupt Gehör zu verschaffen.

Johan Botha gelingt dies in der Titelpartie höchst respektabel, zumal er durch seine vorteilhafte Kostümierung auch optisch kein Störfaktor ist. Ferruccio Furlanetto nimmt man seinen an und für sich bravourös gesungenen Philipp nicht ganz ab. Was nicht seine Schuld ist, da Valery Gergiev seine große Arie nicht als inneren Monolog, sondern als donnernde Ansprache wie jene des Hans Sachs am Schluss der Meistersinger präsentiert.

Zu starke Präsenz

Verstärkt wird dieser eher abstrakt-deklamatorische Gesamteindruck der von Karin Voykowitsch nach Wernickes Vorgaben bei aller Detailsorgfalt und allem Geschick in der Bewegung der Chöre erstellten szenischen Neueinrichtung durch eine zu starke Präferenz für die Bühnenmitte.

Trotzdem konnte Olga Borodina mit ihrem dunklen Mezzo als musikalisch perfekte Eboli brillieren, und auch Adrianne Pieczonka stattete ihre Elisabeth mit gehörigen Sopranprachten aus, auch wenn diesen das persönliche, unverwechselbare Kolorit gefehlt hat.

Dwayne Croft als solider Posa, Lubica Vargicová als glockenklare Stimme des Himmels und Chester Pattons dunkler Karl V. konnten es auch nicht verhindern, dass sich der ziemlich kurze Schlussbeifall nur bis zur Halbherzlichkeit steigerte. (DER STANDARD, Printausgabe vom 4.8.2003)

Von
Peter Vujica
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Besuch einer Produktion aus der Mortier-Ära: Johan Botha (li.) als Don Carlo und Dwanyne Croft als Posa.

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