Was im Börsenleben Geschichte wurde

11. August 2003, 17:51
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Das Wertpapiermuseum in Olten führt durch die Zyklen des Wirtschaftens

Er sah ihr Bild in einer Zeitung und verliebte sich, eine Woche später hielt Jakob Schmitz sie in Händen: eine Aktie der "Standard Oil Company", vom Firmengründer John D. Rockefeller unterschrieben. 2600 Mark zahlte der Rheinländer 1980 dafür, heute ist sie das Achtfache wert.

Schmitz, Pressesprecher alter deutscher Unternehmen wie Krupp und Stinnes, begann zu sammeln, wälzte Kataloge und Fachzeitschriften, besuchte Händler, reiste zu Auktionen nach Paris, New York, Amsterdam. Kaufte alles von Rang, bis er mehr als 7000 historische Wertpapiere aus 160 Ländern beisammen hatte, die weltweit bedeutendste Kollektion. 2001 verkaufte er sie in die Schweiz. Ein Teil ist nun im ersten internationalen Wertpapiermuseum der Welt in Olten zu sehen.

Aktien? Viele mögen das Wort nicht mehr hören. Ist das also der richtige Zeitpunkt für ein solches Unterfangen? "Er ist ideal", sagt Dagmar Schönig, Kuratorin des Museums. Mit etwas Distanz zu den Jahren der Gier sei das Phänomen Aktie besser zu verstehen. "Die meisten wissen doch gar nicht genau, wie eine Aktiengesellschaft funktioniert." Und vielleicht ahnen sie nur, was die Geschichte lehrt: Auf jeden Börsenboom folgt ein Zusammenbruch. Daran hat sich seit 1602 nichts geändert, als die "Holländisch-Ostindische Kompanie" gegründet wurde, die erste AG überhaupt. Kurz darauf zerplatzte der Traum der Tulpenzwiebel-Spekulanten, im 18. Jahrhundert flog der Südseeschwindel auf, im 19. kam der Gründerkrach, im 20. der Schwarze Freitag. Andererseits: Auf jeden Krach folgte ein Boom, angetrieben vom Verkauf von Aktien.


Die Vergänglichkeit

Die Schmitzsche Sammlung belegt die Vergänglichkeit des Wirtschaftens. Sie existieren nicht mehr, die stolzen Firmen, die hier vereint sind, auch wenn die Schornsteine auf ihren Anteilsscheinen noch so mächtig qualmten. Was bleibt, sind die Geschichten hinter dem Papier. Die von Cornelius Vanderbilt zum Beispiel, einem anderen US-Tycoon. Seine Unterschrift trägt das mit 80.000 Franken wertvollste Stück des Museums, eine Aktie der "New York and Harlem Railroad Company", mit der der "Commodore" spät im Leben noch in das Eisenbahnbusiness einstieg.

Das marode Unternehmen war der Grundstock für ein skrupellos gebautes Imperium. Um der Konkurrenz zu schaden, ließ Vanderbilt die Passagiere notfalls aus dem Zug werfen.

Der Panama-Kanal

Wie Gigantismus auch im Desaster enden kann, zeigt eine Aktie der Panama-Kanal-Gesellschaft von 1886. An dieser Landenge übernahm sich Ferdinand de Lesseps, der gefeierte Erbauer des Suezkanals; das Unternehmen wurde 1889 liquidiert. In manchen alten Wertpapieren glimmt hingegen noch ein Funken Hoffnung: Die Besitzer von Papieren der Hukuang Railway warten geduldig auf einen Regimewechsel in China und die dann fällige Dividende. Begehrt sind historische Aktien erst seit etwa 30 Jahren.

Auf Auktionen zahlten Sammler inzwischen bis zu sechsstellige Eurobeträge, sagt Schmitz. Die Papiere steigen schnell im Wert, weil das Angebot, anders als bei Briefmarken oder Münzen, nicht wächst. In der Regel haben Banken die "Nonvaleurs" zerstört, wenn die Firmen vom Börsentableau verschwanden. Außerdem werden Aktien kaum noch physisch ausgeliefert. "Sie sind zur Buchungszeile geronnen", bedauert Schmitz, weil Wertpapiere oft interessante Stildokumente sind.

Viele Firmen ließen sich ihre Titel von Künstlern gestalten; je aufwändiger, desto besser für das Prestige. Auch nach Frankfurt hätte die Sammlung gepasst. Doch die Eidgenossen waren schneller. Den Zuschlag erhielt ein Unternehmen, das für die Schweizer Banken den Wertpapierhandel abwickelt. Was Schmitz dafür bekommen hat? Der 65-Jährige lacht: "Den Marktwert."(Thomas Kirchner aus Olten, Der Standard, Printausgabe, 04.08.2003)

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    Historische Wertpapiere. Für die Lust am Sammeln, als geldanlage und als Zeugen der Wirtschafts-und Handelsgeschichte.

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