Die Hoffnung ist da, der Zweifel auch

5. August 2003, 11:27
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Hinter den positiven Konjunktursignalen steckt eine Menge Unerfreuliches - Eine Analyse

Wien - Die US-Wirtschaft scheint sich am Beginn eines Aufwärtszyklus zu befinden. Eine Reihe guter Nachrichten geben nach drei Krisenjahren wirklichen Anlass zur Hoffnung. Die Angst, es könnte keine nachhaltige Bewegung nach oben sein, ist allerdings auch berechtigt.

Auf der Sonnenseite steht: das überraschend hohe Wirtschaftswachstum der USA im zweiten Quartal mit 2,4 Prozent. Die mit fast sieben Prozent höheren Unternehmensinvestitionen, ein deutlich gestärktes Verbrauchervertrauen und höhere Verbraucherausgaben. Dazu kommen die Effekte der Steuererleichterung und die mit 0,75 Prozent historisch niedrigen Zinsen.

Auf Unternehmensebene waren die Berichte für das zweite Quartal überwiegend sehr gut, was Gewinne (die Ergebnisse straffen Kostenmanagements) und auch was anspringende Umsätze (also die Nachfrage) betrifft. Die Firmen geben sich auch überwiegend optimistisch, was die Gewinnprognosen für das dritte und vierte Quartal betrifft, Schätzungen zufolge dürften das zwölf beziehungsweise 18 Prozent sein.

Schattenseiten

Gleichzeitig erzeugen diese Daten aber auch schon Schatten: Angesichts eines sich solcherart abzeichnenden Aufschwunges ziehen die langfristigen Zinsen bereits an. Sollten die Zinsen steigen, dann könnte das zu einem tiefen Rückschlag führen, denn gerade die durch niedrige Zinsen so günstigen Finanzierungsbedingungen haben die Amerikaner zum (fremdfinanzierten) Immobilienkauf bewogen.

Das Land der Eigenheimbesitzer ist an dieser Stelle besonders verwundbar. Vor allem vor dem Hintergrund einer privaten Schuldenquote von rund 90 Prozent gemessen am Einkommen und einem Jobmarkt, der so angespannt ist wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr.

Zweifel sind auch berechtigt, was den Boden für einen Aufschwung angesichts der Tatsache betrifft, dass die US-Industrie (laut US-Notenbank) derzeit auf lediglich drei Viertel ihrer Kapazität fährt. Die konstant kaum vorhandene Inflation könnte auch auf mangelnde "pricing power" der Firmen deuten.

Anleihenrenditen

Dass Angst auch ein Teil der Gegenwart ist, zeigt der rasante Anstieg der Renditen der zehnjährigen US-Anleihen von 3,1 auf 4,4 Prozent in wenigen Wochen. Das könnte als Panik vor steigenden Zinsen interpretiert werden. Andererseits aber wollen die Aktienmärkte hinauf, die Unternehmen an den US-Börsen sind wieder so teuer wie schon lange nicht mehr. Damit eilt die Börse Erwartungen eines breiten Aufschwunges voran - der Beweis vonseiten der Unternehmensergebnisse steht aber noch aus. Möglich also, dass eine breite Ausverkaufswelle bald folgt.

Ein Blick hinter die guten Wachstumszahlen der US-Wirtschaft zeigt auch, wie fragil das zarte Pflänzchen ist: Ohne um 44 Prozent erhöhte Rüstungsausgaben wäre das Quartalswachstum unter einem Prozent gelegen.

Die leeren Kassen der Bundesstaaten machen Schlagzeilen, und das Leistungsbilanzdefizit der USA hat Rekordhöhen erreicht. Zumindest ein Teil des Wirtschaftsaufschwunges kann damit als staatsfinanziert gelten.

Trotzdem: Seit drei Jahren waren die positiven Signale nicht so deutlich und so viele. Eine Belebung ist also da. Hoffentlich verdient sie die Bezeichnung Aufschwung. (Karin Bauer, Der Standard, Printausgabe, 04.08.2003)

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