29-Nationen-Armee zieht im Irak auf

5. August 2003, 18:13
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Drei Monate nach Ende der Kampfhandlungen lässt Washington eine Hilfsarmee aufziehen, in der schon gestritten wird - Mit Infografik

Polen schickt diese Woche das erste große Kontingent seiner Soldaten in den Irak. Drei Monate nach Ende der Kampfhandlungen lässt Washington eine 29-Nationen-Hilfsarmee aufziehen, in der schon gestritten wird: über Geld, die Gefahr, den Termin für den Abzug.


Wien/Warschau/Bagdad - "Die Leute brauchen mehr Information", meint Polens Präsident. Die Meinungsforscher im Land haben mehr Zahlen: 55 Prozent der Polen sind mittlerweile gegen eine Stationierung ihrer Soldaten im Irak, nur ein gutes Drittel unterstützt die Entscheidung von Staatschef Aleksander Kwasniewski. Im Juni noch sah es besser für die Regierung aus. "Polens Rolle ist es, den USA und Großbritannien ein Alibi zu verschaffen", kommentiert die Gazeta Wyborcza.

1700 Soldaten der polnischen Armee sollen diese Woche im Irak eintreffen. Das US-Oberkommando hat ihnen einen Distrikt südlich von Bagdad zugeteilt, der ruhiger sein soll. Vergangenen Freitag gab es jedoch bereits einen ersten Mörserangriff auf das polnische Camp, wo 300 Soldaten des Voraustrupps logieren. Ab September, so die Planungen des Pentagon, sollen die Polen das Kommando über eine 9200 Mann starke multinationale Truppe übernehmen. Die Besatzungsmächte USA und Großbritannien wollen Ballast abwerfen.

29 Staaten, von Aserbaidschan bis Mongolei, von den Philippinen bis zur Slowakei, werden sich zum Teil nur mit einer Hundertschaft an dieser Truppe beteiligen, und auch sonst macht die Hilfsarmee keinen allzu soliden Eindruck. Verlegung und Verpflegung der Truppen zum Beispiel werden zum Großteil von Washington gezahlt. "Coalition of the billing", spotten Kritiker in den USA deshalb, 240 Millionen Dollar soll den amerikanischen Steuerzahler die Multikultitruppe allein dieses Jahr kosten, so schätzt Dov Zakheim, der Rechnungsprüfer des US-Verteidigungsministeriums.

Auch Zweifel an der Einsatzbereitschaft der "Stabilisierungstruppe" sind aufgekommen: Ungarn behält sich den Rückzug seiner 300 Soldaten vor, sollte es zu "kriegerischen Situationen" kommen, erläuterte Verteidigungsminister Ferenc Juhász; Italien kündigte einen schnellen Wechsel seiner Truppen nach nur vier Monaten Einsatzzeit an, um die Moral der Soldaten aufrechtzuerhalten; El Salvadors Eliteeinheit hat ihren Abflug in den Irak verschoben, weil sie sich unterbezahlt fühlt. Der politische Gewinn für alle Teilnehmerstaaten in ihrem Verhältnis zu den USA steht außer Frage, das spektakulärste Comeback gelang jedoch der Ukraine.

Im Frühjahr 2002 belasteten US-Geheimdienste noch Staatschef Leonid Kutschma, der persönlich den Verkauf technisch hochwertiger Radargeräte zur Flugabwehr an Bagdad gebilligt haben soll. Beim Nato-Gipfel in Prag wurde die Sitzordnung geändert, sodass US-Präsident Bush nicht neben Kutschma platziert werden musste. Nun aber nahm das Pentagon gern das Angebot der bankrotten ukrainischen Armee an, 2300 Soldaten in den Irak abzukommandieren.

Paris hat indes seine Weigerung bekräftigt, an der Truppe mitzuwirken. Erst müsse die Verantwortung im Irak wieder zurück an die UNO gehen, erklärte ein Berater von Außenminister de Villepin. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.8.2003)

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