Gemischte Gefühle für Geburtsstadt Wien

Kopf des Tages9. Oktober 2013, 18:18
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Martin Karplus erhielt den Nobelpreis für Chemie 2013

Gemischte Gefühle habe er nach wie vor, wenn er Österreich besuche, schrieb Martin Karplus in einem autobiografischen Text aus dem Jahr 2006. "Ich mache das selten, weil Antisemitismus fast so verbreitet ist wie damals." Damals, das war 1938, als er unmittelbar nach seinem achten Geburtstag mit seiner Mutter und seinem Bruder aus Wien in die Schweiz flüchten musste. (Sein Vater war von den Nazis eingesperrt worden, um so der Familie das Vermögen abpressen zu können.)

Eigentlich hätte der am 15. März 1930 geborene und in Grinzing aufgewachsene Robert Karplus Mediziner werden sollen. Etliche seiner Wiener Vorfahren waren Ärzte gewesen. Sein Onkel Paul war ein ausgezeichneter Chirurg, sein Großvater väterlicherseits, Johann Paul Karplus, lehrte an der Uni Wien und war an der Entdeckung der Funktion des Hypothalamus beteiligt.

Vor fast genau 75 Jahren, am 8. Oktober 1938, kam die wiedervereinigte Familie in den USA an, wo sich Martin Karplus und sein Bruder Robert (1927-1990) schon als Schüler für die Naturwissenschaften begeisterten. Robert wurde Physiker, Martin studierte ab 1947 in Harvard Chemie und wechselte später ans California Institute of Technology, wo er beim zweifachen Nobelpreisträger Linus Pauling dissertierte. Ein Forschungsaufenthalt in Oxford brachte ihn kurz zurück nach Europa, bevor er in die USA zurückging und nach einigen Zwischenstationen 1966 Professor in Harvard wurde. Dort ist er nach wie vor als Forscher aktiv.

In den 1970er-Jahren wollte der frankophile Wissenschafter seine Aktivitäten nach Paris verlegen, scheiterte aber an administrativen Hürden. Erst 1996 klappte es mit dem Teilwechsel. Seit damals ist Karplus zudem Professor an der Université Louis Pasteur in Straßburg.

Abseits seiner Forschung widmete sich Karplus auch intensiv der Fotografie: Während seiner Studienzeit und dann bei Vortragsreisen nach Lateinamerika, China und Japan entstanden 4000 Leica-Farbfotos von Straßenszenen, die diesen Sommer in der Französischen Nationalbibliothek ausgestellt wurden.

In seinem Geburtsland war Karplus, der die österreichische Staatsbürgerschaft besitzt, zuletzt vor vier Jahren: Er besuchte das Silbertaler Erinnerungsprojekt in Vorarlberg. Dort wird seiner Großtante gedacht, der in Wien immer noch wenig gewürdigten Ethnologin Eugenie Goldstern. Sie konnte nicht flüchten und wurde in Sobibor ermordet. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, 10.10. 2013)

  • Martin Karplus
    foto: reuters/dominick reuter

    Martin Karplus

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