"Die Natur wird deutlich zu uns sprechen"

Interview9. Oktober 2013, 18:01
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Klimafolgenforscher Hans Joachim Schellnhuber über die Eliminierung dramatischer Ausreißer im Klimabericht, Doppelmoral unter Energiemanagern und heiße Rülpser unter dem Meeresspiegel

Ohne Ozeane wäre die Temperatur auf der Erde im Vergleich zur vorindustriellen Zeit um 36 Grad höher, sagt Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber. Wieso vor allem Österreich auf erneuerbare Energien setzen sollte, erklärt der Deutsche im Gespräch mit dem STANDARD.

STANDARD: Renommierte Forscher haben den jüngsten Bericht des UN-Weltklimarats als zu optimistisch kritisiert. Dabei wird in der Veröffentlichung des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) festgehalten, dass der von Menschen beeinflusste Klimawandel unvermindert weitergeht. Was ist Ihre Meinung?

Schellnhuber: Die Aussagen sind klar genug. Der Klimawandel ist real, er ist menschgemacht, und er hat drastische Folgen. Aber tendenziell ist der Klimabericht so angelegt, dass er eher konservativ ist. Es muss mit so vielen Ländern verhandelt werden. Und da können Sie sich sicher sein, dass jeder Ausreißer hin zum Dramatischen eliminiert wird. Das finde ich aber nicht so schlecht. Denn dann können Sie sich darauf verlassen, dass es mindestens so kommen wird. Beim Meeresspiegel etwa wird bis 2100 als Obergrenze von einem Anstieg bis zu einem Meter gesprochen. Weil hier nach wie vor das Abschmelzen von Grönland und der Antarktis nicht richtig eingepreist ist, besteht aber das Risiko, dass der Anstieg noch heftiger ausfällt.

STANDARD: Mit welchem Beispiel würden Sie die Klimaveränderung erklären?

Schellnhuber: 2012 ist eine Arbeit von Levitus et al. erschienen. Da hat man die Erwärmung des Ozeans von null bis 2000 Meter Tiefe von 1955 bis 2010 abgeschätzt. Durch den erhöhten Treibhauseffekt wurde eine Erwärmung von 0,09 Grad Celsius verzeichnet - im Mittel über den ganzen Ozean verteilt. Jetzt muss man nur den Energiegehalt dieser 0,09 Grad Celsius umrechnen. Stellen wir uns vor, der Ozean würde mit einem Rülpser diese Wärme in die Atmosphäre entlassen. Das würde die obersten zehn Kilometer - also die Schicht, in der wir leben und in der das Wetter stattfindet - schlagartig um 36 Grad Celsius erhöhen. 36 Grad Celsius!

STANDARD: Dieser Rülpser wird aber nicht passieren.

Schellnhuber: Das ist auch nur eine Umrechnung der Energiemengen. Aber es macht deutlich, dass diese Wärme schon unter unserer Bettdecke gespeichert ist. Wenn nur ein Bruchteil davon, etwa beim nächsten Wetterphänomen El Niño, freigesetzt wird, dann wird auch die Lufttemperatur wieder deutlich nach oben gehen. Erst dann werden die Leute wieder sagen: "Aha, jetzt sind sie da, die neuen Temperaturrekorde."

STANDARD: In Österreich wurden in diesem Sommer erstmals über 40 Grad Celsius gemessen.

Schellnhuber: Auch in Japan wurde der Rekord mit 41 Grad Celsius gebrochen. Insgesamt ist der Ozean in der letzten Dekade aber in der Kaltphase eingestellt. Das sind natürliche Schwankungen. Aber da schlummert leider ein ungeheures Wärmepotenzial.

STANDARD: Die Erderwärmung hat in den vergangenen 15 Jahren eine Pause eingelegt. Was antworten Sie Klimaskeptikern, die mit diesen Zahlen argumentieren?

Schellnhuber: 93 Prozent der Erderwärmung gehen in den Ozean, nur zwei Prozent gehen in die Atmosphäre. Als Physiker werde ich nie nervös, wenn die globale Erwärmung ein bisschen flattert. Das ist, wie wenn Sie kontinuierlich einen Raum heizen. Es kann eine Phase geben, wo sich der Boden, die Decke und die Wände aufwärmen. Die Hülle ist quasi das Meer und die Zimmerluft die Atmosphäre, die Sie spüren. Aber wenn die Wände die Wärme weitergeben, dann geht die Temperatur im Raum deutlich nach oben. Das ist keine Zauberei. Das sind Wärmeflüsse in einem thermodynamischen System.

STANDARD: Kann man den Anstieg der Temperatur und des Meeresspiegels noch verhindern?

Schellnhuber: Der Ozean ist träge, bis der sich einmal durchmischt, dauert es 1000 Jahre. Man kann ausrechnen, wenn man die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius begrenzen könnte - wir hätten dann noch einen Spielraum von 0,6 Grad -, dann würde der Meeresspiegel noch um 0,5 Meter ansteigen, sich dann aber stabilisieren. Wenn die Erwärmung zwei Grad erreicht, setzt sich der Anstieg viele Jahrhunderte fort. Das wäre unumkehrbar. Davon ist derzeit auszugehen, der CO2-Ausstoß wird jährlich größer. Die Natur wird sehr deutlich zu uns sprechen. Für die Existenz der Malediven etwa ist es wohl schon zu spät. Diese Inseln sind eigentlich verloren.

STANDARD: Wie kann man Schadensbegrenzung betreiben?

Schellnhuber: Alle Länder müssten so etwas Ähnliches wie Dänemark und Deutschland versuchen und auf erneuerbare Energien und Energieeffizienz setzen. Vorangehen müssen die reichen Länder. In Österreich gibt es Wasserkraft, Biomasse, Windenergie, Sonnenenergie, eine niedrige Arbeitslosenquote, hervorragende Unis. Österreich könnte locker die Energiewende hinlegen. Es müssten zehn Pionierländer zeigen, dass eine grüne Industrie entwickelt werden kann. Sie müssten den Kohlenstoff verbannen. Das wird das Modell der nächsten industriellen Revolution sein. Kommen wird die sowieso. Die Frage ist nur, ob es dann nicht schon zu spät ist.

STANDARD: Glauben Sie nicht, dass sich Lobbys querlegen werden?

Schellnhuber: Die zwölf größten Konzerne der Welt sind im Öl- oder Transportgeschäft tätig. Wenn ich CEO von Shell wäre, würde ich den Klimawandel auch nicht wahrhaben wollen. Aber wenn Sie mit den Managern privat reden, geben alle zu: Ihr habt Recht! (David Krutzler, DER STANDARD, 10.10.2013)


Hans Joachim Schellnhuber (63) ist seit 1992 Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung in Deutschland. Er war Gast des von Günter Geyer initiierten Zukunftsdialogs der Vienna Insurance Group in Wien.

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