Prekäre Arbeit und lange Studienzeiten in Europa

9. Oktober 2013, 17:22
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Zwei Drittel der Studierenden Österreichs arbeiten - meist in unsicheren Jobs. Das hat Auswirkungen auf die Studiendauer

Wien/London - Sie arbeiten an Wochenenden und am Abend, für wenig Geld, ohne Versicherung, und das für Jobs, die mit dem Studium oft nichts zu tun haben. Prekarität dominiert die studentische Arbeitswelt, viele nehmen das achselzuckend in Kauf. Denn sie gehen davon aus, es sei "nur temporär", meint Nick Clark vom Forschungsinstitut "Working Lives" in London, das das EU-Projekt "Precstude" (Precarious work amongst students in Europe) leitet. Laut Schätzungen machen Studierende fünf Prozent der europäischen Arbeitskraft aus, das sind 8,9 Millionen Menschen.

Die Bedingungen, unter denen diese Gruppe arbeitet, könnten sich negativ auf den Arbeitsmarkt im Allgemeinen auswirken, betont der kurz vor Veröffentlichung stehende Endbericht von Precstude und warnt vor Lohndumping. Die schlechten Arbeitsbedingungen, die geboten und angenommen werden, führen zu einer Entsolidarisierung zwischen Studierenden und Arbeitnehmern, sagt Barbara Marx, Leiterin der Bundesfrauenabteilung der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA-djp).

Zwei Drittel arbeiten

Insgesamt arbeiten in Österreich fast zwei Drittel aller Studierenden, im OECD-Vergleich ist dies der höchste Anteil. Das hänge mit der Stipendienkultur in Österreich zusammen, sagt Marx. Denn in der Regel ist die staatliche finanzielle Unterstützung zu gering, um den Lebensunterhalt zu sichern. 80 Prozent der Studierenden, die einen Job haben, geben in der Studierenden-Sozialerhebung an, aus finanzieller Notwendigkeit zu arbeiten.

46 Prozent stufen ihren Job als "wenig studienadäquat" ein. Laut Precstude ist das ein europaweites Phänomen. Relevante Berufserfahrungen werden in Praktika gesammelt. Dabei sind 56 Prozent aller Praktika unbezahlt, kritisiert Veronika Kronberger, Vorsitzende der Plattform Generation Praktikum. Je einkommensstärker der soziale Hintergrund, desto öfter würden Praktika gemacht und so auch Qualifikation erworben. "Sie sind klar sozial selektiv."

Aber auch nach dem Studienabschluss gehören Praktika zum Arbeitsalltag: "Mit der Hoffnung, dass diese in einen unbefristeten Job übergehen, werden auch nach der Graduierung Praktika absolviert", sagt Hubert Eichmann, Mitarbeiter beim Forschungsinstitut Forba. Wobei auch nach dem Abschluss, die Hoffnung "einen Fuß in die Türe zu bekommen" der Bezahlung vorgeht.

Das Problem ist zudem, wie Clark betont, dass "langsam auch Studierenden dämmert, dass ihre Nebenjobs nach Studienabschluss an ihnen hängenbleiben könnten". Die schlechten Arbeitsbedingungen, die während des Studiums noch gerne in Kauf genommen werden, würden dann zum Alltag. (ned, ook, sct, lou, DER STANDARD, 3.10.2013)

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    Zwei Drittel der Studenten in Österreich arbeiten.

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