Ethnomedien zwischen Integration und Emanzipation

10. Oktober 2013, 17:06
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Jenseits des Mainstreams gibt es von Jahr zu Jahr zunehmend Medien, die sich an bestimmte ethnische Communitys in Österreich richten. Die Herausgeber dieser meist muttersprachlichen Publikationen sprechen über ihr Selbstverständnis

Wien - Pünktlich zur diesjährigen Medien.Messe.Migration erschien Ende September das "Österreichische Handbuch Migration und Diversität 2013". Zum fünften Mal bieten die Herausgeber Clara Akinyosoye und Simon Inou einen Überblick über die österreichische Medienlandschaft abseits des Mainstreams.

Obwohl Türken, nach den Deutschen und den Menschen aus dem exjugoslawischen Raum, nur die drittgrößte Gruppe der Zuwanderer stellen, ist die austrotürkische Medienlandschaft mit Abstand die größte. Ein genauer Blick zeigt, dass die meisten dieser Publikationen - ähnlich wie die Medien anderer ethnischer Gruppen - in der jeweiligen Muttersprache erscheinen.

Ob Ethnomedien eine "Ethnisierung" der Gesellschaft oder gar Parallelwelten fördern, ist eine der am häufigsten gestellten Fragen an die Medienwissenschaften, aber auch an die Herausgeber und Macher selbst. Behindert also der Trend zu muttersprachlichen Informationsquellen die Integration von Migranten? Birol Kilic, der Herausgeber der türkischen "Yeni Vatan Gazetesi", weist diesen Verdacht entschieden zurück. "Unter der Bedingung, dass die muttersprachlichen Zeitungen guten Journalismus betreiben, also nicht unter dem Vorwand 'Ich bin Migrant, ich kann mir alles erlauben, deshalb irgendein Käseblatt auf den Markt bringen'", sieht Kilic Ethnomedien als "etwas, worauf dieses Land stolz sein sollte".

Sprachen ohne Prestige

Die Frage nach der Rolle bei der Integration lässt Dino Šoše, Herausgeber von "BUM Media", erst gar nicht gelten: "Wir sind keine Integrationszeitung, das ist nicht unsere Aufgabe. Unseren Lesern wollen wir Unterhaltung und Nachrichten bieten". "Wir sind also ein normales, österreichisches Medienhaus, aber leider publizieren wir in zwei Sprachen mit wenig Prestige", fügt er hinzu.

Alle Medienmacher betonen, dass ihre muttersprachlichen Publikationen allerdings sehr wohl der Sprachpflege dienen.

Das gilt auch für das Selbstverständnis der vierteljährlichen Zeitschrift des Vereins Roma-Service "dROMa", die in Burgenland-Romani und Deutsch erscheint. "Romani ist sicher ein Sonderfall", sagt Chefredakteur Roman Urbaner. "Es ist in seinem Fortbestand extrem gefährdet, und deshalb ist es so wichtig, die Sprache präsent zu halten: für die Roma selbst, aber auch als Zeichen nach außen." Ähnlich sieht das auch Šoše: "Die Leser unserer Zeitschrift können alle gut Deutsch, sie wollen aber ab und zu etwas in ihrer Muttersprache lesen. Und das ist gut so".

Seyit Arslan von der konservativ-islamischen Wochenzeitung "Zaman" möchte insbesondere die Zweisprachigkeit betonen: "Von 32 Seiten haben wir 24 Seiten auf Türkisch". Man berichte zwar über aktuelle österreichische Themen, doch "die Muttersprache ist ein wichtiger Bestandteil der kulturellen Identität und darf nicht verlorengehen", so Arslan.

Abgesehen von den Publikationssprachen unterschieden sich die Probleme der Ethnomedien kaum von jenen anderer österreichischer Medienunternehmen. Fragt man nach dem Verhältnis zu den politischen Akteuren, bekommt man Antworten mit viel Subtext: "Einmal hat mich jemand im Innenministerium gefragt, ob wir in BUM Media 'Hey, lass uns Schliwo trinken' schreiben oder ob wir etwas für die Integration tun. Allein diese Frage zeigt, wie es um die Anerkennung der Migranten bestellt ist", meint Šoše.

Noch resoluter ist die Antwort von Birol Kilic, der die Unabhängigkeit seiner Zeitung betonen möchte. Es gebe keine wohlwollende Berichterstattung als Gegenleistung für Inserate. Sowie: "Yeni Vatan Gazetesi" habe "keine korrupten Verbindungen mit überangepassten Personen aus der Türkei". (Olivera Stajić, DER STANDARD, 10.10.2013)


Dieser Artikel ist in Rahmen der Sonderbeilage daSTANDARD-"Parallelwelten" entstanden. Diese Woche können Sie hier jeden Tag eine weitere Geschichte aus der daSTANDARD-Beilage lesen.

  • "Yeni Vatan Gazetesi" erscheint mehrheitlich in türkischer, teilweise aber auch in deutscher Sprache. Der Name bedeutet in etwa "Neue-Heimat-Zeitung". Die monatlich erscheinende Publikation wird seit 14 Jahren in Wien veröffentlicht und will laut Eigendefinition "kritischen, unabhängigen und unkäuflichen Journalismus betreiben.
    foto: yeni vatan gazetesi

    "Yeni Vatan Gazetesi" erscheint mehrheitlich in türkischer, teilweise aber auch in deutscher Sprache. Der Name bedeutet in etwa "Neue-Heimat-Zeitung". Die monatlich erscheinende Publikation wird seit 14 Jahren in Wien veröffentlicht und will laut Eigendefinition "kritischen, unabhängigen und unkäuflichen Journalismus betreiben.

  • "BUM Media" sieht sich als Sprachrohr österreichischer MigrantInnen aus Exjugoslawien und der Türkei. "Wir erscheinen in zwei Migrantensprachen und sprechen damit knapp eine halbe Million potenzieller Leser an", sagt der Herausgeber, Dino Sose. Das Unternehmen produziert auch zwei TV-Sendungen auf Okto.
    foto: bum media

    "BUM Media" sieht sich als Sprachrohr österreichischer MigrantInnen aus Exjugoslawien und der Türkei. "Wir erscheinen in zwei Migrantensprachen und sprechen damit knapp eine halbe Million potenzieller Leser an", sagt der Herausgeber, Dino Sose. Das Unternehmen produziert auch zwei TV-Sendungen auf Okto.

  • "dROMa" will in erster Linie ein Roma-Medium für die Roma-Community sein. "Zugleich bemühen wir uns auch, fundierte Aufklärungs- und Informationsarbeit für ein Nichtromapublikum zu leisten. Das ist eine Doppelfunktion, die nicht immer ganz leicht zu erfüllen ist", erklärt Chefredakteur Roman Urbaner.
    foto: droma

    "dROMa" will in erster Linie ein Roma-Medium für die Roma-Community sein. "Zugleich bemühen wir uns auch, fundierte Aufklärungs- und Informationsarbeit für ein Nichtromapublikum zu leisten. Das ist eine Doppelfunktion, die nicht immer ganz leicht zu erfüllen ist", erklärt Chefredakteur Roman Urbaner.

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