Migrationsgesellschaft auf der Couch

9. Oktober 2013, 18:09
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Weshalb Ärzte Freundlichkeit gegenüber Ausländern nicht mit Kompetenz verwechseln sollten und was EKG-Werte mit Gefühlen aus der Kindheit zu tun haben: Ein Kongress in der Berliner Charité widmete sich den Anforderungen diversitätsbewusster Medizin

Muttersprachliche Sprechstunden, mehrsprachiges Infomaterial und Dolmetscher: In der medizinischen Versorgung habe sich im Umgang mit Diversität "in den letzten Jahren ein Reichtum an Erfahrungswissen und Beratungskompetenz angesammelt, auf den man stolz sein kann", meint die Ärztin Ljiljana Joksimović von der Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie im deutschen Düsseldorf.

Noch vor sieben Jahren sei das ganz anders gewesen, erläuterte die Expertin beim Kongress "Identitätsbegriff im Wandel - zu Vielfalt und Diversität in Klinik, Praxis und Gesellschaft" in der Berliner Charité .

Dennoch brauche es für einen besseren ärztlichen Umgang mit Migranten mehr Forschungsgelder, betonte Joksimović in ihrem Vortrag über die Herausforderungen und Fallstricke einer diversitätsbewussten Medizin. Nur so könne der gesammelte Erfahrungsschatz in die akademische Lehre Eingang finden. "Andernfalls werden die Behandlungsmethoden mehr oder weniger dem Zufall überlassen", warnte sie.

Ausbildungslücken

Denn immer noch werde "Freundlichkeit gegenüber Ausländern" mit Kompetenz verwechselt. Zwar versuchten engagierte Universitätsdozenten trotz Zeitmangels transkulturelle Aspekte der Medizin in ihre Lehre zu integrieren. Aber es fehle ein Bewusstsein für die Notwendigkeit, Kultursensibilität und Diversitätsansätze zu einem festen Bestandteil der Ausbildung von zukünftigen Medizinern zu machen.

Anhand eines Fallbeispiels erläuterte Joksimović, warum es nicht reicht, Symptome auf einer rein körperlichen Ebene zu behandeln. Sie erzählte von einem afrikanischen Patienten, der unter häufigen Schwindelanfällen litt, nachdem bei seiner deutschen Frau Krebs im Frühstadium diagnostiziert worden war. Schulmedizinische Untersuchungen hatten keine Erklärung für die Schwindelanfälle gebracht, der Hausarzt empfahl dem Patienten, "sich zusammenzureißen".

Joksimović hingegen setzte auf Gespräche. Diese brachten zutage, dass der Patient in seiner Kindheit eine krebskranke Nachbarin mitbetreut hatte. Deren Leiden habe er hautnah miterleben müssen, weil er ihr manchmal das Essen gebracht habe.

Zudem seien die Verwandten der Krebskranken damals überzeugt gewesen, dass deren Ehemann an dem Übel schuld sei: eine Mischung aus angstbesetztem Beobachtenmüssen und emotionalem Druck, die den Mann in seiner Kindheit in Hilflosigkeit hatte erstarren lassen.

Dieses Gefühl sei in ihm wieder hochgekommen, als er als Erwachsener erneut mit Krebs konfrontiert war. Das Erkennen dieser Zusammenhänge habe ihm sehr geholfen, erläuterte die Ärztin,

Warum es so notwendig sei, derlei Erinnerungen zu mobilisieren? Joksimović erklärt: "Hilflosigkeitsgefühle können zum Rückgriff auf kindliche Verhaltensmuster, also zu Regression führen, was die Bewältigung von Belastungen behindert. Fern von der früheren Heimat könne ein solches emotionales Zurücksinken besonders ausgeprägt sein. "Je größer die Sehnsucht, desto länger die EKG-Spalten", meint die Ärztin.

Derlei Zusammenhänge gelte es zu erkennen. Diversitätsbewusste Medizin bedeute, Empathie für Kranke zu entwickeln, um deren Lebenswelt zu verstehen und die geschilderten Beschwerden ernst zu nehmen. Ein Nichtverstehen der Ursachen hingegen könne zu psychosomatischen Erkrankungen führen: Bluthochdruck, Diabetes, Atembeschwerden.

Klischees helfen nicht

Als wenig hilfreich, so Joksimović, hätten sich indes Versuche entpuppt, sich auf althergebrachte Klischees zu beziehen. "Ich suchte vergeblich den Macho bei meinem afrikanischen Patienten, die Fröhlichkeit bei einer Lateinamerikanerin, die Traurigkeit der slawischen Seele, und auch bei der Suche nach der Verbissenheit der Deutschen kam ich ohne Beute nach Hause. Wenn das passive Leiden typisch türkisch sein soll, dann sind viele meiner deutschen Patienten versteckte Türken." (Mascha Dabić aus Berlin, DER STANDARD, 9.10.2013)


Dieser Artikel ist in Rahmen der Sonderbeilage daSTANDARD-"Parallelwelten" entstanden. Diese Woche können Sie hier jeden Tag eine weitere Geschichte aus der daSTANDARD-Beilage lesen.

  • Ljiljana Joksimović: "Wenn das passive Leiden typisch türkisch sein soll, dann sind viele meiner deutschen Patienten versteckte Türken."
    foto: illustration: andrea maria dusl/comandantina.com

    Ljiljana Joksimović: "Wenn das passive Leiden typisch türkisch sein soll, dann sind viele meiner deutschen Patienten versteckte Türken."

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