Mama ist wieder da

Blog10. Oktober 2013, 14:28
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Über das Ende der Bildungskarenz und wie es weitergeht

Meine Bildungskarenz ist zu Ende. Ich habe viel gelernt in diesen zwölf Monaten. Erstens, dass es ein Luxus ist, eine solche antreten zu können. Zweitens, dass das in Österreich zum Glück immer mehr Menschen können. Drittens, dass es gefährlich ist. Dein Arbeitgeber merkt, dass du ersetzbar bist. Aber das hat er vorher auch schon gewusst. Jede ist ersetzbar.

Viertens: Trotzdem. So eine Bildungskarenz ist eine wunderbare Erfahrung. Auf einmal hat man Zeit für alles, was man sich in den vergangenen zehn, zwölf Jahren vorgenommen hat. Zum Beispiel dafür, etwas Neues zu lernen. Zum Beispiel für ein Studium. Aber auch für viele andere Dinge. Alle Zeit der Welt, so glaubt man.

Dann lernt man fünftens, dass alles nur Ausflüchte waren. So gerne würde ich N. in Hamburg besuchen, aber ich habe ja keine Zeit (wahlweise Geld einsetzen - es fehlt immer eines von beiden, Zeit oder Geld). So gerne würde ich fünfmal in der Woche in Yoga gehen, aber ... So gerne würde ich eine neue Sprache lernen, aber ... Sie haben's verstanden.

Man lernt sechstens, was wirklich wichtig ist. Ich habe mir sehr viel vorgenommen, aber bloß einen Teil davon umgesetzt. Warum? Weil der andere Teil nicht wichtig war. Das ist manchmal schmerzvoll zu erkennen. Die Freundschaft mit N. in Hamburg ist längst zu Ende, öfter als zweimal die Woche Yoga schaffe ich nicht, auch wenn es mir täglich guttäte. Informatik ist eine völlig neue Sprache für mich, an der bleibe ich dran.

Jedenfalls, es gibt keine Ausflüchte mehr. Es ist nicht die Schuld des Vorgesetzten, des Partners oder welcher Umstände auch immer. Es ist siebentens: die eigene Verantwortung! Jetzt könnte man natürlich einwenden, es sei immer die eigene Verantwortung als erwachsener Mensch. Natürlich! Aber manchmal verliert man das aus den Augen in der Hitze des Gefechts.

Achtens: Man tut, was einem wirklich wichtig ist. Zum Beispiel mehr Zeit mit seinem Kind verbringen. Das ist nicht immer gut vereinbar mit den Anwesenheitszeiten an der Universität. Geht aber. Die Logistik muss, auch das lehrt einen die Bildungskarenz, sowieso besser werden, wenn man sich selber managt. Ich strukturiere den Arbeitsalltag jetzt ohne Kontrolle, geht doch, ist ein Lernprozess.

Die Bildungskarenz ist neuntens viel schneller vorüber, als man denkt. Blitzartig. Ähnlicher Effekt wie an der Bushaltestelle. Wenn's fad ist, dehnt sich die Zeit wie ein Speichelfaden, aber wehe, wehe, es ist grad lustig! Oder abwechslungsreich, aufregend und inspirierend. Einmal umdrehen, und schon ist es vorbei.

Deswegen werde ich zehntens natürlich weiterstudieren. Das Wintersemester hat gerade begonnen. Zum Beispiel mit einer Vorlesung zu Informatik und Recht. Spannendes Thema, sehr komplex, geht nächste Woche weiter. (Tanja Paar, derStandard.at, 10.10.2013)

Tanja Paar, geb. 1970, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Graz, Wien und Lausanne. Nach journalistischen Aufenthalten bei "Falter", "Trend" und "Profil" ist sie seit mehr als zehn Jahren Redakteurin des STANDARD. Sie war soeben ein Jahr lang in Bildungskarenz und studiert seither Informatik an der Universität Wien.

  • Tanja Paar: "So eine Bildungskarenz ist eine wunderbare Erfahrung."
    foto: dpa/jan-philipp strobel

    Tanja Paar: "So eine Bildungskarenz ist eine wunderbare Erfahrung."

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