Schöpfungsgeschichte in sechs Tagen

Rezension10. Oktober 2013, 07:00
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Warum in Männern manchmal "Dicke Mädchen" schlummern, zeigt der gleichnamige Film von Axel Ranisch - Ab Freitag endlich auch im österreichischen Kino

Die Geschichte ist ganz gewöhnlich. Sven Ritter, ein dicklicher Bankangestellter in mittleren Jahren, kümmert sich um seine demenzkranke Mutter Edeltraut. Wenn er in die Arbeit muss, kommt eine Pflegehilfe, um sich um Mutter und Haushalt zu kümmern. Was ungewöhnlich ist: die Pflegehilfe ist ein Mann, Daniel Marquardt, verheiratet, ein Kind.

Schöpfungsgeschichte in sechs Tagen

Aus diesem einfachen Setting entwickelt sich in nur 75 Minuten ein schillernder "Coming of Age"-Plot, wenn man so will – und sich nicht verzählt hat - eine Schöpfungsgeschichte in sechs Tagen, die ein kleines Universum auf den Kopf stellt.

In nur zehn Tagen und mit einem Budget von angeblich ganzen 517,28 Euro wurde "Dicke Mädchen" mit einer einfachen MiniDV-Kamera gedreht.  Auf Crew und Filmteam hat Regisseur Axel Ranisch sicher auch aus budgetären Gründen verzichtet. Das hat dem Film gut getan. So lebt er vor allem von seinen DarstellerInnen und ihrem klugen Einsatz.

Allen voran Ruth Bickelhaupt, die mit 89 Jahren in "Dicke Mädchen" ihre erste Spielfilmhauptrolle übernommen hat. Wie ihre Kollegen, Heiko Pinkowski als Sven und Peter Trabner als Daniel, improvisiert sie alle Dialoge. Der Film folgt keinem Drehbuch im herkömmlichen Sinn, sondern entstand auf Grundlage eines Treatments, das nur die Reihenfolge und den Inhalt der Szenen festlegt.

Dabei wurde sicher nichts dem Zufall überlassen. Nach nur zehn Minuten Laufzeit steht fest: "Mutti ist weg!" und damit kommt Dynamik in den Plot. Teilen sich an Tag eins noch Mutter und Sohn das Bett, liegen am dritten Tag bereits drei Personen darin, nur zwei davon wachen wieder auf. Ohne zu verraten, wie es weitergeht: Wie es Regisseur Axel Ranisch gelingt, den Figuren ganz nahe zu kommen, ohne sie bloßzustellen, ist sehenswert. Dabei herrscht in "Dicke Mädchen" ganz sicher keine Angst vor Nacktheit, zum Beispiel  wenn Sven einen Schleiertanz zu Ravels Bolero aufs wohnzimmerliche Parkett legt.

Bereits über 80 Kurzfilme hat Ranisch gedreht

Ranisch ist kein Anfänger. Mehr als 80 Kurzfilme hat der 1983 in Berlin geborene Regisseur bereits gedreht. Von 2004 bis 2011 studierte er an der Hochschule für Film in Potsdam Babelsberg Regie bei Andreas Kleinert und Rosa von Praunheim. 2011 feierte "Dicke Mädchen"  seine Premiere bei den Hofer Filmtagen und gewann mehrere Preise bei diversen Festivals wie zum Beispiel dem Kinofest Lünen für das Drehbuch, das es, siehe oben, gar nicht gibt. Das nennt sich einmal Erfolg auf allen Linien!

Und zu Recht. Denn "Dicke Mädchen" gelingt es mit seinem Home Movie-Charme, den erfrischenden DarstellerInnen, der liebevollen Musikauswahl und der heiteren Grundstimmung Themen wie Demenz, Alter, Tod und gleichgeschlechtliche Liebe wie en passant ins Zentrum zu rücken.

Dicke Mädchen ist der erste Kinofilm der Produktionsfirme "Sehr gute Filme", die 2011 von Heiko Pinkowski, Dennis Paul, Anne Baeker und Axel Ranisch gegründet wurde. Nach dem großen Erfolg 2012 in Deutschland ist der Film jetzt endlich auch in Österreich zu sehen. (Tanja Paar, dieStandard.at, 10.10.2013)

"Dicke Mädchen", ab 11. Oktober im Wiener Top Kino, täglich 18 Uhr

  • Die beiden "dicken Mädchen" Sven (Heiko Pinkowski) (re.) und  Daniel (Peter Trabner).
    foto: dicke mädchen/sehr gute filme

    Die beiden "dicken Mädchen" Sven (Heiko Pinkowski) (re.) und  Daniel (Peter Trabner).

  • Ruth Bickelhaupt hat im Film 89-jährig ihre erste Hauptrolle gespielt.
    foto: dicke mädchen/sehr gute filme

    Ruth Bickelhaupt hat im Film 89-jährig ihre erste Hauptrolle gespielt.

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