Hofnarr: "Nicht verzweifelt einen Kasperl spielen"

Interview9. Oktober 2013, 16:34
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Musiker Tom Rohm schlüpft in der Therme Blumau in die Rolle des Hofnarren: "Ich bin wahrscheinlich eine Art Prototyp"

Im Juni wurde er via Stellenausschreibung gesucht, jetzt ist er in Amt und Würden. Seit einigen Wochen begrüßt ein Hofnarr die Gäste im Rogner Bad Blumau in der Oststeiermark. In der Hauptrolle: Tom Rohm. Wie der Musiker zu dem Job kam und welche Aufgaben damit verbunden sind, erklärt er im Gespräch mit derStandard.at.

derStandard.at: Wie sind Sie zu dem Job gekommen?

Rohm: Als Berufsmusiker bin ich seit Jahren mit Blumau verbunden, weil ich hier regelmäßig auftrete. Nach der Stellenausschreibung gab es eine Gruppe von Bewerbern. Eine Jury entschied sich für einen jungen Mann, der sprang allerdings kurz vor der Wiedereröffnung ab. Die Hausleitung hatte mich bereits im Hinterkopf, ich habe dann gesagt: "Okay, ich mache das."

derStandard.at: Wie würden Sie Ihre Aufgabe beschreiben?

Rohm: Der Hofnarr hat eine 40-Stunden-Anstellung, er ist ein freundlicher Begrüßer der Gäste, er weist den Weg zwischen Einfahrt und Check-in und hat weiter die Möglichkeit, die Leute im Rezeptionsbereich, hier Wohnzimmer genannt, zu begrüßen. Also einfach eine kleine Geste zu machen, die den Gästen einen Farbklecks zum Rogner Bad Blumau bietet.

derStandard.at: Mit musikalischer Begleitung?

Rohm: Nachdem ich Musiker bin, habe ich natürlich ein Instrument. Bei schönem Wetter vertreibe ich mir auch die Zeit, indem ich auf meiner kleinen Gitarre spiele. Wenn mich die Leute besuchen, spiele ich ein paar Noten oder einen Song, das ist also eher eine sporadische Geschichte.

derStandard.at: Wie reagieren Gäste auf Sie?

Rohm: Wir leben in einer hektischen Zeit, viele fahren gestresst in den Urlaub. Allerdings reagiert hier die überwältigende Mehrheit der Gäste sehr freundlich und nicht genervt. Den anderen müsste man beibringen, dass sie jetzt im Urlaub sind und ihren Stress zuhause oder vor dem Eingangstor lassen sollten.

derStandard.at: Und Sie können mit Ihrer Aufmachung einen Beitrag leisten, um Leute in den Urlaubsmodus zu holen?

Rohm: Voraussetzung für diese Art der Tätigkeit ist eine gute Menschenkenntnis. Der Grat zwischen einem Narren im wörtlichen Sinne und einem Aufmunterer ist schmal. Man muss spüren, ob sich die Leute überhaupt auf einen einlassen wollen. Hier geht es nur um erste, spontane Freundlichkeit, die den Leuten zeigt, dass sie hier willkommen sind. Ich begrüße sie, und dann können sie weiterschauen. Bei der Rezeption können sie sich dann weiter von dem Narren einweisen lassen. Das ist im Grunde die Arbeit, die hier als Hofnarr verlangt wird.

derStandard.at: Und Scherze auf Kosten der Leute - gehören die auch zum Programm?

Rohm: Nein, überhaupt nicht. Wir sind von dem Entertainment, das wir über unsere Fernseher serviert bekommen, leicht abgelenkt. Der Job hat gar nichts damit zu tun, einen Clown zu spielen oder ein Narr zu sein. Es geht um eine freundliche Begrüßung für die Gäste, die halt ein anderes Gewand vor sich haben. In größeren Hotels gab es früher einen Concierge, der die Türe geöffnet hat. In Blumau passt die Kleidung, die ich trage, zum Gesamtbild und zur Idee des Hauses. Wenn Leute länger bleiben, liegen sie nicht nur den ganzen Tag im Wasser, sondern schauen sich auch Umgebung und Gebäude an. Die kommen dann immer wieder mal bei mir vorbei, es entwickeln sich nette Gespräche, ein Song entsteht oder ein natürlicher Spaß. Ich tue mir keinen Zwang an und versuche nicht verzweifelt einen Kasperl zu spielen.

derStandard.at: Und im Laufe eines Aufenthalts lernt man Gäste besser kennen?

Rohm: Blumau hat sich im Laufe seines mittlerweile 16-jährigen Bestehens ein Stammpublikum aufgebaut. Viele dieser Gäste kennen mich, weil ich hier schon seit Jahren als Barmusiker arbeite. Durch diese Bekanntschaft wird der Kontakt gesucht, man trifft sich. Es ist eine Art Gästebetreuung, die das Jobprofil mit sich bringt.

derStandard.at: Haben Sie sich vor Antritt des Jobs theoretisch auf die Tätigkeit von Hofnarren vorbereitet?

Rohm: (lacht) Nein, ich bin wahrscheinlich eine Art Prototyp. Durch meine langjährige Tätigkeit hier habe ich schon viel Erfahrung, extra vorbereitet habe ich mich nicht. Als Musiker bin ich es sowieso gewohnt, vor anderen zu stehen, und versuche, Leute durch Musik in einer positiven Weise zu unterhalten und auf Stimmungen einzugehen. Ich spiele auch nicht einfach ein Programm runter, sondern wähle aus meinem großen Repertoire jene Songs, die gerade zur Stimmung passen.

Im Umgang mit Menschen ist es genau das Gleiche. Hat man sie gerne, möchte man das Positive herausholen. Man braucht keine großartige Ausbildung, sondern ein Gespür für Menschen und das Wissen, wo die Grenzen sind. Man soll sich nicht vom Begriff Hofnarr verführen lassen und glauben, dass da jetzt ein Mensch herumhüpft und Schabernack mit den Leuten treibt. Das würde auch nicht zum Bild eines Thermenhotels passen, wo Leute in Ruhe entspannen wollen. Deswegen ist der Einsatz auch auf den Eingangsbereich beschränkt. Im Innenbereich wollen die Leute ihre Ruhe haben und keinen Kasperl, der ihnen auf die Nerven geht.

derStandard.at: Und der Großteil der Reaktionen ist positiv?

Rohm: Natürlich. Für jene, die gestresst herkommen, hilft diese Art der Tätigkeit beim Runterkommen. Und es gibt nur wenige, die einfach nur zur Rezeption eilen. Ihnen müsste man beibringen, dass sie ihren Stress zuhause lassen sollten. Die meisten kommen her, weil sie sich mit der besonderen Architektur auseinandergesetzt haben und die Gebäude eine gewisse Ausstrahlung haben, dieser Platz ist einzigartig. Blumau wollte mit dem Hofnarren einfach einen kleinen zusätzlichen Akzent setzen, der die Leute zwischen Autobahn und Hotelbereich runterholt.

derStandard.at: Was sind die schönen Seiten am Job?

Rohm: Wie bereits vorher erwähnt: Wenn man viel mit Menschen zu tun hat und hatte, dann entwickelt man ein gutes Gespür. Diese kleinen Austauschmomente sind es, die die Leute brauchen. Eine Ehrlichkeit muss dahinterstehen, wir erkennen ja, was gekünstelt ist und was nicht.

derStandard.at: Umgekehrt: Was sind die nervigen Momente?

Rohm: (lacht) Die wenigen Menschen, die gestresst sind, die ihre Hektik nicht ablegen können, wenn sie im Urlaub sind. Das sind Dinge, die einen beschäftigen, wenn man sensibel ist.

derStandard.at: Und Sie sind nebenbei noch als Musiker aktiv?

Rohm: Ja, das ist schließlich meine Hauptarbeit. Ich bin Musiker von ganzem Herzen, das macht mein Leben aus. Diese Hofnarren-Tätigkeit ist eine gute Erfahrung, dennoch bin und bleibe ich weiter Musiker.

derStandard.at: Wer übernimmt Ihren Job, wenn Sie im Urlaub sind?

Rohm: Es gibt drei Herren im Betrieb, die diese Arbeit dann abwechselnd ausführen. Es könnte aber sein, dass das Team ausgebaut wird.

derStandard.at: Und die Bezahlung? Ist die für Sie in Ordnung?

Rohm: Wenn Sie sich mit Jobs auseinandersetzen, wissen Sie, wie heute die Verdienstmöglichkeiten ausschauen. Diese Art von Tätigkeit ist keine überwältigend körperliche, man braucht ein bisschen Geduld. An gewissen Tagen kommen nur sporadisch Leute vorbei. Aber die richtige Thermensaison beginnt sowieso erst. Der Verdienst, der annonciert wurde (1.400 Euro brutto im Monat, Anm.), liegt wohl im Rahmen der Möglichkeiten, die Österreich für solche Jobs bietet, ist aber natürlich auch eine Verhandlungsfrage. Dazusagen sollte man, dass der Betrieb seinen Mitarbeitern einige Benefits anbietet, etwa das Benutzen der Abendtherme und tägliches Kantinenessen. Insgesamt ist das Unternehmen sehr mitarbeiterfreundlich.

derStandard.at: Ist die Tätigkeit nur ein Intermezzo für Sie, oder können Sie sich vorstellen, es länger zu machen?

Rohm: Ich plane eine größere Reise, aber wie gesagt arbeite ich weiterhin als Musiker, und wenn mich der Betrieb für diese Tätigkeit braucht, stehe ich zur Verfügung. (Oliver Mark, derStandard.at, 9.10.2013)

Tom Rohm, geboren 1955 in Neu-Ulm an der Donau, verließ Österreich mit 18 Jahren - per Autostopp und mit seiner Gitarre im Gepäck. Als Musiker, Hippie und Almhirte machte er Station in halb Europa, Südamerika und Asien. Im Jahr 1995 kehrte er nach Österreich zurück, seitdem ist er hier als Musiker unterwegs, mal solo, mal mit Bands. Seine Musikrichtung: 60er Jahre. Im Rogner Bad Blumau ist er seit dem Jahr 2000 als Barmusiker tätig.

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Tom Rohm

  • Einer, der die Gäste begrüßt: Tom Rohm schlüpft im Rogner Bad Blumau in die Rolle des Hofnarren.
    foto: rogner bad blumau

    Einer, der die Gäste begrüßt: Tom Rohm schlüpft im Rogner Bad Blumau in die Rolle des Hofnarren.

  • "Hier geht es nur um erste, spontane Freundlichkeit, die den Leuten zeigt, dass sie hier willkommen sind", sagt er über seine Rolle.
    foto: rogner bad blumau

    "Hier geht es nur um erste, spontane Freundlichkeit, die den Leuten zeigt, dass sie hier willkommen sind", sagt er über seine Rolle.

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