Das Erbgut im Schnapsglas

9. Oktober 2013, 18:26
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Drei Buchautoren tauchen in die junge Szene der Biohacker und Do-it-yourself-Biologen ein

Ins Schnapsglas gespuckt, etwas Spülmittel, Kontaktlinsenreiniger und Salz dazu und einen anständigen 75-prozentigen Rum vorsichtig darübergießen - voilà! Schon kann man einen Blick auf die eigene DNA werfen: Die weißen Fäden, die daraufhin sichtbar werden, sind Erbgut-Stränge, die durch die Chemikalien-Mixtur aus den Zellen im Speichel extrahiert werden.

Hanno Charisius, Sascha Karberg und Richard Friebe haben in einer Art Grundkurs in Do-it-yourself-Biologie gelernt, wie man diesen DNA-"Drink" mixt. Die drei Wissenschaftsjournalisten und studierten Biologen hatten sich die Aufgabe gestellt, in die Szene der Biohacker einzutauchen, jener Hobbyforscher, die sich in Hinterzimmern ein Labor einrichten, um dort ihr Essen zu untersuchen, die eigenen Gene zu analysieren oder Bakterien zum Leuchten zu bringen - Nerds, die Biotechnologie als Hobby betreiben.

Biohacking heißt auch das kurzweilige und leicht lesbare Buch der drei Autoren, in dem sie von ihrer abenteuerlichen Reise erzählen. Sie besuchen Gemeinschaftslabors und Garagen-Start-ups, sprechen mit etablierten Wissenschaftern und mit Szenepionieren wie Kay Aull, die 2009 im Alter von 24 Jahren in einem zusammengeschusterten Labor im Kasten ihres WG-Zimmers ihre Gene auf die vererbbare Krankheit ihres Vaters untersuchte.

Charisius, Karberg und Friebe machen sich mit einem Budget von 3500 Euro daran, selbst zum Teil der Szene zu werden, die analog zu den Computerhackern der 1970er- und 80er-Jahre das Ziel hat, dass Molekularbiologie wie Computertechnologie Teil eines jeden Haushalts wird. Sie treffen dabei auf Menschen, die Forschung demokratisieren wollen, und solche, die es einfach cool finden, Bierhefe per Gentrick mit Zitronengeschmack zu versehen.

Auch die drei befreundeten Buchautoren richten im Gemeinschaftsbüro ein Labor ein, kaufen Pipetten und einen Thermocycler, der DNA vervielfältigt. Sie suchen nach Wegen, wie sie legal an Chemikalien und Gen-Fragmente kommen. Und sie entdecken eine junge Szene, die sich zwanglos an eine Sache macht, die bisher Menschen mit einschlägiger Uni-Laufbahn vorbehalten war.

Übrigens: Natriumlaurylsulfat, das in Spülmitteln verwendet wird, löst Zellmembranen auf. Proteasen, Enzyme, die in Kontaktlinsenreinigen verwendet werden, zerstören Proteine. DNA ist in Alkohol schlecht löslich. Dass man mit diesen Mitteln, wie eingangs beschrieben, das höchstpersönliche Erbgut im Schnapsglas betrachten kann, könnte in Zukunft also zum Allgemeinwissen gehören. (Alois Pumhösel , DER STANDARD, 09.10.2013)

  • Hanno Charisius, Sascha Karberg, Richard Friebe: "Biohacking", Hanser, 2013
    cover: hanser

    Hanno Charisius, Sascha Karberg, Richard Friebe: "Biohacking", Hanser, 2013

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