Nachrichten mit Witz und ein wenig Wahrheit

8. Oktober 2013, 19:18
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Zu starr und verstaubt? Immer mehr Jugendliche kehren klassischen Nachrichtenformaten den Rücken

Wien - Michaela und Werner heiraten doch noch nicht. Der Braut gehe es zu schnell, sie brauche Zeit zum Nachdenken, und ihr Vater Erwin sei außerdem entzürnt. Zu lesen gab es diese Nachricht vor wenigen Tagen auf dem Onlineportal "Die Tagespresse".

Vor allem bei Menschen unter 30 finden satirische Nachrichten wie diese großen Anklang, in denen besonders politische Themen durch den Kakao gezogen werden. Der Trend hat einen Namen: Politainment beschreibt die Verknüpfung von Politik, Journalismus und Unterhaltung - und ist auch in Österreich beliebt.

Während die Zugriffszahlen auf Satireportale steigen, wird das Publikum klassischer Nachrichtensendungen wie der "Zeit im Bild" immer älter. Moderator Armin Wolf setzte sich in seiner Masterarbeit mit diesem Phänomen auseinander - dennoch sieht er auf SchülerStandard-Nachfrage aktuell keinen Boom. In seiner akademischen Arbeit fand er hingegen heraus, dass manche Menschen sich ausschließlich durch Satire informieren.

Doch kann Satire, die bekanntlich nur ein Fünkchen Wahrheit beinhaltet, klassische Nachrichten ersetzen? Politologe Michael Parkin, den Wolf in seiner Arbeit zitiert, stellte fest, dass sich Studierende Nachrichten besser merken, wenn sie in Unterhaltungsform dargeboten werden.

Zum heimischen Politainment kann "Willkommen Österreich" gezählt werden. Die Sendung erreicht mittlerweile einen Marktanteil von 28 Prozent - wohl auch, weil sich das Moderatorenduo kein Blatt vor den Mund nimmt. Die "Tagespresse" ist vergleichsweise neu und dennoch bereits erfolgreich - der Wahlkampf bescherte Betreiber Fritz Jergitsch Themen und Besucher. Vor kurzem verzeichnete die Seite den millionsten Klick.

Lange Tradition, neue Wege

Nachrichten satirisch zu behandeln ist dabei aber kein neuer Trend. Der "Simplicissimus" - eine satirische Wochenzeitschrift - erschien zwischen 1896 und 1944. Wesentlich verändert hat sich seit damals natürlich die Distribution. Auf Youtube können jederzeit die US-amerikanischen Erfolgsformate nachgesehen werden und auf Facebook hunderte Freunde an einem witzigen Artikel teilhaben.

Auf eine nicht ganz so lange Tradition, aber viel Erfolg blickt die deutsche "Titanic" zurück: mit einer Auflage von beinahe 100.000 Exemplaren stieg das Wochenmagazin zur zweitgrößten Zeitschrift Deutschlands auf. 2005 entwickelte sich aus dem Printmagazin sogar eine Partei, die bei den Bundestagswahlen antrat und im Frühjahr bei Kommunalwahlen in Schleswig-Holstein sogar ein Mandat erhielt.

In den USA werden diese Entwicklungen auf die Spitze getrieben: Jon Stewart von der "Daily Show" und Stephen Colbert vom "Colbert Report" beschränken sich schon lange nicht mehr bloß auf Fernsehsendungen. In diesen machen sie sich über die Berichterstattung von konservativen Sendern wie Fox News lustig.

Als die republikanische Tea Party stark wurde, riefen die beiden Entertainer zu einer - wohlgemerkt satirischen - Kundgebung, an der 215.000 Menschen teilnahmen.

Mit ihren Shows beweisen Stewart und Colbert immer wieder, wie durch Satire informiert werden kann. Colbert gründete etwa während des Präsidentschaftswahlkampfs einen Super-PAC - jene Lobbyorganisation, die mit Unmengen an Geld Kandidaten unterstützt und Spender nicht offenlegen muss -, um den Zusehern Details über die undurchsichtige Wahlkampffinanzierung zu liefern. Bei Colbert oder Stewart Platz zu nehmen und sich ihren pointierten Fragen zu stellen gehört für US-Spitzenpolitiker zum Pflichtprogramm.

In Österreich werden Michaela und Werner in naher Zukunft wohl noch in keinem Studio Platz nehmen. Die bestehende Nachfrage nach satirischen Inhalten zeigt aber, dass Lust auf neue Formate besteht. (Philipp Koch, DER STANDARD, 9.10.2013)

  • Nachrichten wie jene über die Hochzeit von Michaela und Werner haben Jugendlichen den Wahlkampf aufgefrischt. 
    foto: die tagespresse

    Nachrichten wie jene über die Hochzeit von Michaela und Werner haben Jugendlichen den Wahlkampf aufgefrischt. 

  • In Deutschland gibt es gar eine Satirepartei.
    foto: ap/sohn

    In Deutschland gibt es gar eine Satirepartei.

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