UNESCO schützt österreichische Gebärdensprache

8. Oktober 2013, 18:48
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In Kulturerbeliste aufgenommen - Erfolg für Gehörlose

Wien - Die nicht betroffene Mehrheit, die Hörenden, begegnete der österreichischen Gebärdensprache bisher in einzelnen Fernsehsendungen: in Gestalt der dort engagierten Gebärdensprachdolmetscher. Oder es fielen ihnen, an öffentlichen Orten, gestenreiche Unterhaltungen Gehörloser auf.

Als Verständigungsmittel verwenden diese dabei eine "eigenständige Sprache", die als solche seit 2005 auch in der österreichischen Verfassung anerkannt ist. Und die, wie DER STANDARD erfuhr, seit einer Entscheidung der österreichischen Unesco-Kommission seit eineinhalb Wochen als "immaterielles Kulturerbe" Österreichs geschützt ist.

Identitätsstiftender Wert

Die Entscheidung fiel am 26. September in Wien. Der aus Ministeriums- und Bundeslandvertretern, Wissenschaftlern sowie der Präsidentin der österreichischen Unesco-Kommission, Eva Nowotny, bestehende Fachbeirat nahm den im Sommer gestellten Antrag des österreichischen Gehörlosenbunds an.

Damit wurde die heimische Gebärdensprache in eine Reihe mit der klassischen Reitkunst der Spanischen Hofreitschule, den Passionsspielen in Erl oder auch der Sprache der burgenländischen Roma, dem Roman, gestellt: Sie sowie über 60 weitere kulturelle Traditionen oder Überlieferungen gelten laut der nationalen Unesco-Kulturerbeliste als Praktiken oder Ausdrucksformen von identitätsstiftendem Wert und müssen laut Unesco-Abkommen erhalten werden. Den nationalen Kulturgutlisten steht eine internationale Auflistung gegenüber, die am Hauptsitz der UN-Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur in Paris geführt wird. In dieser wird Österreich zweimal erwähnt: mit der Fasnacht im Tiroler Imst sowie der Falknerei.

Symbolische Anerkennung

Die Aufnahme der Gebärdensprache in die nationale Liste freut Helene Jarmer, Präsidentin des Gehörlosenbunds und Nationalratsabgeordnete der Grünen, sehr. Für die geschätzten 8000 bis 10.000 gehörlosen Menschen in Österreich sei die Anerkennung "von symbolischem Wert", sagt sie.

Nun sei zu hoffen, dass die "ureigene Sprache der Gehörlosen" in Österreich auch praktisch aufgewertet werde, denn trotz vorbildlicher rechtlicher Absicherung fehlten dafür bisher die entsprechenden Regelungen.

Etwa, um gehörlosen Kindern "bilingualen Unterricht zu garantieren": eine Forderung, die auch der Gebärdensprachenexpertin Verena Krausneker als "vordringlichste Maßnahme" erscheint. Immer noch würden betroffene Kinder vor allem zum Lippenlesen und Sprechenlernen angehalten: "Dabei versteht ein Gehörloser auf diese Art von Unterhaltungen nicht mehr als 30 Prozent". (Irene Brickner, DER STANDARD, 9.10.2013)

  • Gehörlosen Kindern soll bilingualer Unterricht garantiert werden.
    foto: standard/urban

    Gehörlosen Kindern soll bilingualer Unterricht garantiert werden.

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