"Prisoners": Die vielen Gefangenen der Gewalt

8. Oktober 2013, 17:44
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In Denis Villeneuves beeindruckendem US-Thriller gerät eine Gemeinde durch ein Verbrechen in Schieflage

Wien - Das Unheil kommt leise über die beiden benachbarten Familien. Es ist eine friedliche Straße, irgendwo im suburbanen Pennsylvania, gesäumt von Einfamilienhäusern, die alle ein wenig ähnlich aussehen. Draußen ist es trüb herbstlich, im Inneren der Häuser herrscht Ausgelassenheit. Man feiert gemeinsam Thanksgiving, die befreundeten Kinder erkunden die Umgebung, die ihnen sehr vertraut ist.

Ein paar Stunden später sind die beiden Mädchen Anna und Joy spurlos verschwunden. Außer einem Camper, der kurz in der Straße parkte, fehlen alle Spuren. Ganz langsam fährt die Kamera an einen Baumstamm vor dem Haus heran - ein erstes, unheimliches Bild dafür, dass in Prisoners, dem Hollywood-Thriller-Debüt des Frankokanadiers Denis Villeneuve, kaum Durchblick möglich ist, und ein jeder, der mit dem Fall in Berührung kommt, buchstäblich ein Brett vor dem Kopf hat.

Aaron Guzikowskis ambitioniertes Drehbuch - es ist einige Jahre lang durch Produzentenhände gewandert - setzt das Movens der Handlung klugerweise weniger auf das Whodunit, die Frage nach der Täterschaft. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, wie ein Verbrechen die Betroffenen verwandelt; wie es sich flechtenartig über eine Gemeinschaft auszubreiten vermag und dabei auch ideologische Überzeugungen nach außen treibt, die sich so schädlich wie Ungeziefer erweisen.

Die direkteste und gerade deshalb auch schwierigste Figur ist Keller Dover, der von Hugh Jackman mit gehörigem Druck verkörperte Vater eines der Entführungsopfer. In einem frühen Schachzug des Films ergreift er, enttäuscht von der Langsamkeit der Polizei, selbst die Initiative. Er entführt den einzigen Verdächtigen, Alex Jones (Paul Dano), einen psychisch labilen, jungen Mann, den man aus Mangel an Beweisen wieder laufen ließ, um diesem in einem abgelegenen Gebäude ein Geständnis herauszupressen.

Dover bedient sich dabei zunehmend brutalerer Foltermethoden und verliert zugleich immer mehr die moralische Rechtfertigung für das eigene Tun. Es ist dies ein fast schon überdeutliches Zeichen für die Verwandlung des Opfers zum Täter, wie sie die USA nach dem 11. September als ganze Nation erfahren hat.

Ohne falsches Mitleid

Dass Prisoners dennoch nicht ins Plakative abgleitet, liegt an der nuancierten, im entscheidenden Moment sparsam dosierten Inszenierungsweise Villeneuves. Nicht der wütende Vater, auch nicht die in Trauer erstickende Mutter (Maria Bello) stehen hier im Mittelpunkt; der Film buhlt nicht um Mitleid, sondern fächert entschieden die Perspektiven auf. Er findet eine Reihe dunkler Korridore - Kellerabteile wie bizarre Wohnungsverstecke -, in denen immer wieder neue Indizien entdeckt werden.

Auch der von Jake Gyllenhaal als neurotisch zwinkernder Einzelgänger verkörperte Detective Loki findet lange keinen richtigen Zugriff auf den Fall. Die Eltern beklagen sich bei ihm über den Mangel an Initiative, sein Vorgesetzter stellt ihm nicht die Mittel zur Verfügung, die es für die Ermittlung braucht. Später, in besonders kritischen Momenten, begeht er Fehler, die die Auflösung weiter verzögern - dies ist nicht der einzige Aspekt des Films, der an David Finchers Serienmörder-Suchspiel Zodiac denken lässt.

Doch anders als Fincher ist Villeneuve, der vor allem mit dem Nahost-Drama Incendies Bekanntheit erlangte, mehr an dem Milieu interessiert, an dem konservativ-gottesfürchtigen Boden der Gemeinde, in der Kindesentführungen besonderen Nachhall erzeugen. Mit Roger Deakins steht ihm ein Weltklasse-Kameramann zur Seite, welcher der Ambivalenz aus Trauer und Bedrohung mit einer trüben Noir-Optik aus hochauflösenden, aber matschig grauen Bildern Ausdruck verleiht.

Prisoners entspricht jener Form des ernsthaften, anspruchsvollen Genrefilms, der im Hollywood der Gegenwart mittlerweile zur Rarität geworden ist. Er riskiert im Erzählerischen etwas, gräbt tiefer als andere und nimmt sich die Zeit, die Puzzleteile des Entführungsfalls so auszulegen, dass die emotionalen Reaktionen der Figuren auch plausibel wirken.

Das Drehbuch mag stellenweise ein wenig überkonstruiert erscheinen. Doch Prisoners überspielt diese kleinen Irritationen mit einem kontrollierten Blick auf das Wesentliche: Er schafft so viele Feinabstufungen, dass die Frage nach gut und böse ganz schwer zu beantworten ist. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 9.10.2013)

Ab Freitag im Kino

  • Die Wut, wenn nichts weitergeht: Jake Gyllenhaal als Detective Loki in Denis Villeneuves "Prisoners".
    foto: tobis

    Die Wut, wenn nichts weitergeht: Jake Gyllenhaal als Detective Loki in Denis Villeneuves "Prisoners".

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