Big Data: "Dürfen nicht 'Minority Report' werden"

8. Oktober 2013, 17:15
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Buchautor und Internetexperte Viktor Mayer-Schönberger über Chancen und Grenzen der Auswertung riesiger Datenmengen

Die Analyse online verfügbarer Datenmengen, Big Data, ist für den österreichischen Juristen und Buchautor Viktor Mayer-Schönberger eine Revolution, die unser Leben verändern wird. Ihre Vor- und Nachteile beleuchtete er im Gespräch mit Karin Tzschentke.

Standard: Warum haben Sie ein Buch zu Big Data geschrieben? Bisher haben Sie sich doch immer für das Recht auf Vergessen im Internet stark gemacht. Widerspricht sich das nicht?

Mayer-Schönberger: Ich hoffe nicht. Der Wunsch auf Vergessen im Internet auf der einen, und der Wunsch, aus Daten wirtschaftlichen Wert zu schaffen, sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Nämlich der Medaille, dass Daten eine immer größere Rolle spielen in unserer Gesellschaft und für sich ein wirtschaftliches und allgemeines Gut geworden sind.

Standard: Das Thema Big Data wird derzeit überwiegend von der dahinter stehenden Industrie propagiert, die damit natürlich gern viel Geld verdienen möchte ...

Mayer-Schönberger: ... mitunter ohne es zu verstehen ....

Standard: Inwieweit?

Mayer-Schönberger: Ich will nicht alle in einen Topf werfen, aber es gibt schon diesen Big Data Hype, wo dann plötzlich alles als Big Data bezeichnet, auch wenn es mit dem Verständnis meines Mitautors Ken Cukier und meinem nichts zu tun hat.

Standard: Wie definieren Sie also Big Data?

Mayer-Schönberger: Da muss man immer vorsichtig sein, weil was immer ich Ihnen jetzt sage, in fünf Jahren genauso lächerlich ist, wie wenn ich Ihnen 1995 eine Definition des World Wide Web gegeben hätte. Die wäre im Jahr 2000 auch lächerlich gewesen. Aber ich versuche es. Big Data ist die Möglichkeit, aus vielen Datenpunkten Einsichten zu gewissen, die sich aus wenigen Datenpunkten nicht gewinnen lassen.

Standard: Das hört sich offensichtlich an.

Mayer-Schönberger: Stimmt. Wenn man mehr Daten hat, kann mehr aus ihnen herausholen. Aber so einfach ist es nicht. Durch die Demoskopie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts konnte man mit dem richtig gewählten Sample eine kleine Menge an Leuten befragen und dann trotzdem auf die Gesamtbevölkerung rückschließen. Das war gut, aber Big Data ist besser.

Standard: Was ist besser an Big Data?

Mayer-Schönberger: Wir versuchen das im Buch mit drei Eigenschaften zu charakterisieren, die wir als „Mehr", „Unschärfe" und „Korrelationen" bezeichnen. Mehr: Wenn man annäherend alle Daten über ein bestimmtes Phänomen hat, kann man in Details hineingehen, die ein normales Sampling nicht beinhaltet. Unschärfe: Wenn ich sehr viele Datenpunkt habe, dann können die Datenpunkte auch ein wenig unschärfer, also von geringerer Qualität sein. „Mehr" und „Unschärfe" zusammen bilden die Grundlage für die dritte Kardinaleigenschaft von Big Data. Mit Big Data können wir nicht feststellen, warum etwas passiert, sondern nur was passiert. Das ist der Übergang vom Monopol der Kausalität hin zum Duopol von Kausalität und Korrelation.

Standard: Für einen Laien klingt das reichlich theoretisch.

Mayer-Schönberger: Im Grunde geht es darum, dass wir Menschen bisher immer nach Ursachen gesucht haben, weil es für die Erklärung der Wirklichkeit so komfortabel ist, auch wenn die so gefundene Ursache gar nicht stimmt. Sie gehen am Abend in ein Restaurant, am nächsten Tag ist Ihnen schlecht und sie führen das auf das Essen zurück. Obwohl wir statistisch gesehen heute wissen, dass Sie sich viel wahrscheinlicher die Gastroenteritis beim Handschütteln mit einem Kollegen oder in der U-Bahn abgegriffen haben.  Diese schnellen, evolutionsbedingt im menschlichen Gehirn programmierten kausalen Denkmuster, führen heute sehr oft zu Fehlschlüssen. Mit Big Data haben wir  dazu eine Alternative, indem wir nicht nach dem Warum, sondern nach dem Was fragen können.

Standard: Könnten Sie das anhand eines Beispiels illustrieren?

Mayer-Schönberger: Mit einer Big-Data-Analyse ist es der kanadischen Computerwissenschafterin Carolyn McGregor gelungen, 24 Stunden früher zu erkennen, wenn frühgeborene Kinder Infektionen bekommen als dies bisher der Fall war. Das hängt damit zusammen, dass sie in den Vitalwerten eines Frühgeborenen ein gewisses Muster ablesen kann, das auf eine beginnende Infektion hinweist. Sie sammelte dafür 1200 Datenpunkte pro Sekunde. Sie kann zum Schluss zwar nicht sagen, warum die Babies erkranken, aber um eine Infektion zu bekämpfen reicht das Wissen, dass sie wahrscheinlich erkranken werden, völlig aus.
Oder ein Beispiel aus dem deutschsprachigen Raum: Lufthansa-Maschinen sammeln während des Fluges viele Daten über Luftfeuchtigkeit, Temperatur, etc. Diese Daten wurden früher an den Autopiloten weitergeleitet, um einen möglichst sicheren Flug zu gewährleisten, danach wurden sie gelöscht. Mittlerweile werden diese Daten gespeichert und an den Deutschen Meterologischen Dienst weitervermittelt. Das alleine hat zu einer Verbesserung der Wettvorhersage in Deutschland von 7 Prozent geführt.

Standard: Wenn sich mit Big Data so viel ablesen lässt und die Analyse an Bedeutung gewinnt, kommen wir dann nicht in eine Welt, in der man auf Daten fixiert ist?

Mayer-Schönberger: Die Gefahr besteht nur dann, wenn wir die Ergebnisse der Big Data-Analyse missbrauchen. Wenn wir ihr mehr Bedeutung geben als ihr eigentlich zukommt. Das Problematische ist, dass wir Menschen die entsetzlicheTendenz haben, diesen Missbrauch zu begehen. Weil wir gewohnt sind in Kausalitäten zu denken, die Big Data Analyse uns aber nur Korrelationen gibt.

Standard: Sie sprechen in diesem Zusammenhang von der Kausalfalle der Big-Data-Analyse.

Mayer-Schönberger: In die Obama und die Geheimdienste gerade tappen. Sie sammeln riesige Datenmengen, mit denen sie dann ermitteln könnten, welche soziodemografische Bedingungen mit fundamentalistischem Terrorismus korreliert wird. Dann könnte man darangehen und diese Bedingungen beseitigen, hätte man Terrorismus auch beseitigt. Das wäre eine Analyse, bei der ich nicht versuche, das Ganze auf individuelle Ursachen und damit Schuld herunterzubrechen. Die Gefahr aber ist, und genau dort sind wir jetzt, dass die Daten für kausale Zwecke missbraucht werden. Da wird jemand wie in dem Film Minority für schuldig erklärt, noch bevor er eine Handlung gesetzt hat. Gewissen Anwendungen müssen tabu sein. Wir dürfen nicht zu einer Welt von Minority Report werden.

Standard: Wie können solche Fallen vermieden und der Missbrauch von Big Data Analysen verhindert werden?

Mayer-Schönberger: Das können wir, indem wir Bewusstseinsarbeit darüber leisten, was Big Data ist, welche Mächtigkeit es hat und welche Gefahren es gibt. Das ist ein wenig wie mit Antibiotika. Diese können eine unglaublich lebensrettende Wirkung haben, aber wenn man zuviel davon nimmt, ergeben sich problematische Resistenzen. So ist es mit Big Data auch. Der Gesetzgeber muss Unternehmen und sich selbst Fesseln anlegen und festlegen, wer wie Big Data verwenden darf.

Standard: Welche Anwendungen sollten zum Beispiel tabu sein?

Mayer-Schönberger: Denken Sie an Krankenversicherungen. Krankenversicherungen funktionieren unter anderem deshalb, weil wir als Risikogemeinschaft versichert sind, obwohl wir faktisch unterschiedliche Risiko-Anlagen haben. Wenn wir nun plötzlich über Big Data wissen würden, welche bestimmte Krankheit Sie oder ich aufgrund eines Gendefekts wahrscheinlich bekommen, könnten  Versicherungen hergehen und Sie nicht oder mit nur mit vielfacher Prämie versichern. Das wäre das Ende der allgemeinen Krankenversicherung.

Standard: Wie soll der Gesetzgeber zwischen zulässiger und unzulässiger Anwendung differenzieren, wenn man bedenkt, wie gering das Wissen unserer Politiker schon über das Internet ist.

Mayer-Schönberger: Das stimmt. Wenn ich den meisten Politikern erzähle, dass Big Data sich in fünf Jahren zum Problem entwickeln könnte, sagen die, in fünf Jahren bin ich schon nicht mehr im Amt. Dennoch gilt es, rechtzeitig Sicherheitsvorkehrungen für Big Data zu treffen, damit wir auch die Vorteile davon genießen können. Wie die Kernenergie ließe sich zwar auch fehlgeleitetes Big Data rückbauen, aber das kostet dann entsprechend.

Standard: Selbst wenn es Gesetze gibt, die den Einsatz von Big Data regeln, wie soll es angesichts der komplexen Materie wirklich gelingen, deren Einhaltung zu kontrollieren?

Mayer-Schönberger: Mit einer Gruppe von Sachverständigen, die in die Black Box der Big Data Analyse hineinblickt. In den USA werden dafür so genannte Big Data Quants bereits herangebildet. Selbst in China gibt es schon Master of Data Analysis. Im Buch nennen wir sie Algorithmiker. Ohne diese wird es künftig nicht gehen.

Standard: Wo bleibt bei aller Vorhersagbarkeit durch Big Data die Intuition, Erfahrung, Glaube?

Mayer-Schönberger: Die Frage, was  mit den zutiefst menschlichen Fähigkeiten passiert, stellt sich in der Tat. Wir müssen sicherstellen, dass wir auch in Zukunft die Freiheit haben, irrational zu sein. Denn aus der Irrationalität kommt auch immer die Orginalität. Wir müssen uns auch bewusst gegen das Wissen von Big Data entscheiden dürfen. Auch wenn wir mit immer besseren Analysen des Genpools herausfinden können, wie groß für eine Frau die erschreckende Wahrscheinlichkeit ist, an Brustkrebs zu erkranken und die sachliche Entscheidung eine präventive Brustentfernung ist, muss sie auch in Zukunft die Freiheit haben, sich gegen den Eingriff zu entscheiden. Wir dürfen nicht zu dem Punkt kommen, wo uns Entscheidungen aufgrund von Big Data Analsysen aus der Hand genommen werden.

Standard: Kommt der Mensch dieser rasanten Entwicklung überhaupt noch hinterher? Ist die Technik nicht dem Menschen wieder einmal voraus?

Mayer-Schönberger: Ich bin Berufsoptimist. Als solcher meine ich, wir haben immer eine Chance. Und diese müssen wir nützen. Das können wir aber nur, wenn wir uns dieser Zukunft mit Big Data und den Konsequenzen daraus bewusst werden. Sonst mag es für die kommende Generation zu spät sein. Ober eben sehr schwierig, diese Big Data Strukturen wieder zurückzubauen. Mit dem Buch wollte ich einen Beitrag dazu leisten. (Karin Tzschentke, DER STANDARD, 9.10.2013)

Zur Person

Viktor Mayer-Schönberger gründete unter anderem den österreichischen IT-Virenspezialist Ikarus und ist heute Professor für Internet Governance in Oxford. Der 1966 in Zell am See geborene Jurist ist einer der Autoren des im März auf Englisch herausgekommenen Buches „Big Data. A Revolution that will transform how wie live, work and think." Jetzt ist das Buch auch auf Deutsch im Redline-Verlag, München, erschienen.

 

 

  • Viktor Mayer-Schönberger
    foto: andy urban

    Viktor Mayer-Schönberger

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