Die Spionin, die mich knipste

8. Oktober 2013, 17:35
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Die österreichisch-britische Fotografin Edith Tudor-Hart bebilderte in den 1930er-Jahren in Wien und England den Kampf und das Elend der Arbeiterklasse - Eine Personale im Wien Museum bereitet ihr Werk nun erstmals umfassend auf

Wien - Das Leben der Fotografin Edith-Tudor-Hart (1908-1973) eignet sich durchaus als Stoff für einen Agententhriller. Geboren in ein sozialdemokratisches Wiener Elternhaus, engagierte sich Edith Suschitzky früh für die KPÖ. Die "Kommunistische Internationale" wurde auf sie aufmerksam und betraute sie mit geheimen Kurierdiensten.

Ein Studienaufenthalt 1928 am Bauhaus in Dessau weckte vermutlich ihr Interesse für Fotografie. Ihre ersten Wiener Aufnahmen bezeugen eindrücklich hohe Arbeitslosigkeit und das von Armut geprägte Stadtbild: Demonstrationen, Jo-Jos verkaufende Veteranen, Bettler und die Lebensbedingungen in den Elendsvierteln.

Suschitzkys Aufnahmen sind eng mit ihrem persönlichen Werdegang verbunden. So folgt die rund 90 Bilder umfassende und gelungene Schau im Wien Museum den Lebensstationen der jüdischen Fotografin und überzeugten Kommunistin: Von der Kindheit in Wien-Favoriten über ihre Flucht nach London und das Leben im britischen Exil.  

Prekäre Verhältnisse

Realismus, starke Kontraste und manchmal ungewöhnliche Blickwinkel kennzeichnen ihre sozialkritischen Fotos, etwa über die nordenglische Schwerindustrie, die sie mit einer mittelformaigen Rolleiflex schoss. Trotz ihrer Arbeit als Fotoreporterin für Zeitschriften wie Der Kuckkuck oder Die Bühne verdiente sie selbst nicht viel und lebte selbst zum Teil in prekären Verhältnissen.

1934 heiratete sie den Arzt Alexander Tudor-Hart, beide flohen noch im selben Jahr vor dem Austrofaschismus nach London, wo Tudor-Hart ein auf Porträts spezialisiertes Fotostudio eröffnete, besonders die Arbeit mit Kindern, wie in der Serie Sich Bewegen und Wachsen, begeisterte sie.

Leider sind wenig Originalfotos von ihr erhalten. Ein von der Wiener Polizei beschlagnahmter Teil wurde bei einer Überschwemmung vernichtet. Aus Angst vor dem britischen Geheimdienst - sie war immer noch "low level agent" - zerstörte sie 1951 einen Großteil ihrer Fotos. Heute existieren noch rund 4.000 Negative, die ihr Bruder, der Fotograf und Kameramann Wolfgang Suschitzky den National Galleries of Scotland in Edinburgh stiftete.

Vintage-Drucke von Tudor-Hart sind hingegen rar. Anhand der (oft auch in schlechten Zustand befindlichen) Negative stellte man neue Abzüge für die Ausstellung her. Nicht nur Tudor-Harts Fotos wecken das Interesse, auch ihre Spionagevergangenheit macht neugierig. Darüber hätte man gerne mehr erfahren. (Michael Ortner, DER STANDARD, 9.10.2013)

Bis 12. 1.

  • "Sich bewegen und wachsen" (1951) heißt eine Fotoserie über Kinder, die Edith Tudor-Hart, für das britische Bildungsministerium anfertigte.
    foto: wien museum

    "Sich bewegen und wachsen" (1951) heißt eine Fotoserie über Kinder, die Edith Tudor-Hart, für das britische Bildungsministerium anfertigte.

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