Spektakulärer Siegeszug einer Pseudowissenschaft

8. Oktober 2013, 19:40
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Der Ingenieur Hanns Hörbiger war nicht nur der Vater der Schauspieler Paul und Attila, sondern auch der von etlichen Nazis unterstützten "Welteislehre"

1947 beging die Akademie der Wissenschaften in Wien ihr 100-Jahr-Jubiläum. Das Ende des NS-Regimes lag erst zwei Jahre zurück. In einer seiner Festansprachen ging ÖAW-Präsident Heinrich von Ficker deshalb auf die Wissenschaft in der NS-Zeit ein.

Nicht nur Historiker oder Philosophen seien damals in ihrer Arbeit kontrolliert und gehemmt worden, so der ÖAW-Präsident. Dies habe auch für die Naturwissenschaften gegolten, und als warnendes Beispiel nannte Ficker die sogenannte Welteislehre.

Was aber hatte es mit dieser Theorie und ihrem Erfinder auf sich? Und warum erwähnte der ÖAW-Präsident gerade sie als Exempel? Die "Glazialkosmogonie", wie die obskure Pseudowissenschaft eigentlich hieß, war dem österreichischen Ingenieur Hanns Hörbiger (1860-1931) im Jahr 1894 beim nächtlichen Betrachten des Mondes gleichsam eingeschossen.

Hörbiger, mit der Erfindung eines nach ihm bekannten Ventils zu erheblichem Reichtum gekommen, war davon überzeugt, dass die meisten Körper des Weltalls aus Eis bestünden, so wie unter anderem auch der Mond. Zwar widersprach die These schon damals astronomischen und physikalischen Erkenntnissen. Hörbiger war aber so überzeugt von seiner Eingebung, dass er fortan alles daransetzte, seine Theorie unters Volk zu bringen.

Es dauerte dennoch bis zum Jahr 1912, bis die krause Theorie unter dem Titel Hörbigers Glacial-Kosmogonie (verfasst gemeinsam mit dem Amateurastronomen Philipp Fauth) in Buchform erschien. Doch der Band war beileibe nicht das einzige Medium, um die Pseudowissenschaft zu popularisieren: Etliche eigene Vereine und Institute entstanden, Hörbiger hielt unzählige spektakuläre Vorträge, an denen auch seine beiden Schauspielersöhne Paul und Attila mitwirkten.

All das hatte so viel Erfolg, dass sich 1925 auch die etablierte Wissenschaft genötigt sah, sich mit Hörbigers Irrlehren zu befassen. Auch wenn der seriöse Sammelband ein einziger Vollverriss war, so jubelte Hörbiger: Indem man sich mit seiner Theorie beschäftigte, habe man seiner Lehre den Ritterschlag erteilt.

Schließlich förderten zwar etliche Repräsentanten des Dritten Reichs Hörbigers Humbug. Die NS-Physiker machten dabei aber nicht mit, wie Christina Wessely herausfand. Insofern wird klar, dass Fickers Darstellung nur eine schlechte Ausrede war - und wohl eher das Fehlverhalten vieler Akademiemitglieder camouflieren sollte

Für ihre blendend erzählte Geschichte der Welteislehre hat sich die Wiener Wissenschaftshistorikerin nicht nur durch den umfangreichen Nachlass Hörbigers gearbeitet. Sie hat auch rekonstruiert, in welchen Kontexten sich Hörbigers Lehre trotz aller Vorbehalte durchsetzen konnte.

Und auch wenn Wessely ihre Darstellung an einigen Stellen mit etwas mehr theoretischem Gepäck befrachtet als unbedingt nötig: Nach der erhellenden und kurzweiligen Lektüre wünscht man sich dringend, dass sich möglichst viele jüngere Historiker an dieser vorbildlichen und mittlerweile auch ausgezeichneten Habilitationsschrift ein Beispiel nehmen mögen. (tasch, DER STANDARD, 9.10.2013)

  • Eine der "wissenschaftlichen" Grafiken, mit denen die Welteislehre popularisiert werden sollte.
    illustration: archiv

    Eine der "wissenschaftlichen" Grafiken, mit denen die Welteislehre popularisiert werden sollte.

  • Hanns Hörbiger, Erfinder und Prophet der Welteislehre.
    foto: archiv

    Hanns Hörbiger, Erfinder und Prophet der Welteislehre.

  • Christina WesselyWelteisEine wahre GeschichteMatthes & Seitz 2013319 Seiten, 30,80 Euro
    cover: matthes & seitz

    Christina Wessely
    Welteis
    Eine wahre Geschichte
    Matthes & Seitz 2013
    319 Seiten, 30,80 Euro

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