In gestörten Gräbern graben

8. Oktober 2013, 19:47
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Edeltraud Aspöck entwickelt experimentelle Forensik für aufgebrochene Ruhestätten

Gäbe es CSI Langobarden und CSI Merowinger - Edeltraud Aspöck wäre Expertin dafür. Gräber zu öffnen ist Alltag für die Archäologin mit Spezialgebiet Frühmittelalter (5. bis 11. Jahrhundert nach Christus). In ihrem vom Wissenschaftsfonds FWF finanzierten Hertha-Firnberg-Projekt will sie eine forensische Untersuchungsmethode entwickeln, die "gestörte" Gräber als bisher vernachlässigte archäologisch-historische Quelle in den Fokus nimmt.

Als gestört oder wiedergeöffnet bezeichnen Fachleute jene Gräber, an denen Forscher nicht als Erste die Totenruhe gestört haben. In manchen frühmittelalterlichen Gräberfeldern sind fast alle Grabstätten wiedergeöffnet. Materiell motivierter Grabraub dürfte nicht der einzige Grund dafür sein. Die Einstellung zu Gräbern und menschlichen Überresten könnte in der Vergangenheit einfach anders gewesen sein.

Für ihre experimentelle Pilotstudie stützt sich Edeltraud Aspöck zum einen auf (Mikro-)Taphonomie. Darunter versteht man alle natürlichen und menschlichen Prozesse, die zur Entstehung von Fossilien und archäologischen Funden führen. Zweiter Bezugspunkt ist ihr interdisziplinärer Hintergrund zum Thema Totenkult, Begräbnis und Gesellschaft.

Die Archäologin aus Ried im Innkreis ist überzeugt: Sorgfältig gelesen können gestörte Gräber wertvolle Auskünfte geben. Sie möchte zudem eine Vielfalt von Motiven für Graböffnungen offenlegen - abseits gängiger Erklärungsmuster, wie etwa Metallmangel. Also wird sie Befunde studieren und bei aktuellen Grabungen im Raum Wien besonders sorgfältig vermessen und dokumentieren.

Generell würde es ihr gefallen, wenn in Österreich die "Archäologie vor der Haustür" mehr im medialen Rampenlicht stünde, wie das auch bei Ausgrabungen in England der Fall ist. Am Institut für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ist ihr Projekt gut aufgehoben, weil dort mit der Forschungsgruppe Quartärarchäologie (Altsteinzeit) besonders penible Ausgräber angesiedelt sind. Schließlich beschäftigt sich die Urgeschichte mit den ersten menschlichen Spuren von vor 2,5 Millionen Jahren bis hin zu den ersten schriftlichen Zeugnissen.

Edeltraud Aspöck studierte Ur- und Frühgeschichte, Klassische Archäologie und Geschichte an der Universität Wien und an der britischen Universität Reading, wo sie auch ihre Doktorarbeit über unterschiedliche Normen in der Totenbehandlung verfasste.

Zusätzlich zum Hertha-Firnberg-Fellowship leitet sie an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften das EU-Projekt Ariadne (Advanced Research Infrastructure for Archaeological Dataset Networking in Europe), in dem Bewusstseinsbildung, Koordination und Abstimmung eines europaweiten gemeinsamen Zugangs zu Datenspeichern und die Langzeiterhaltung archäologischer Daten gefördert werden.

Eine wichtige Voraussetzung für ihre Arbeit ist, dass sie gerne draußen ist. Wenn sie sich nicht in Schächten und Hügeln betätigt, geht sie wandern. Ihr Zeichentalent nützt sie auch zur wissenschaftlichen Illustration, dem "ersten Interpretationsschritt mit Tusche". Außerdem legt sie auch künstlerisch gern Hand an Steinen an: Vor einigen Jahren hat sie mit Bildhauerei begonnen. (Astrid Kuffner, DER STANDARD, 9.10.2013)

  • Archäologin Edeltraud Aspöck ist Expertin für Gräber.
    foto: privat

    Archäologin Edeltraud Aspöck ist Expertin für Gräber.

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