Mathematik-Stars und Rechen-Gespenster

9. Oktober 2013, 18:21
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Drei neue Bücher von und über Mathematiker zeigen den Umgang von Rechenkünstlern mit der Öffentlichkeit - Die einen schätzen sie, die anderen definieren sich über ihr Publikum, die dritten meiden sie und leben lieber weit weg von Ruhm und Ehre

Wann wird ein Mathematiker schon gefeiert wie ein Filmstar? Der Franzose Cédric Villani hatte am 19. August 2010 in Hyderabad in Indien dieses zweifelhafte Vergnügen. Fotografen belagerten ihn. Er musste posieren, wie er in seinem Buch Das lebendige Theorem fast angewidert schreibt. Dann beantwortete er vier Stunden lang am Telefon die Fragen von Journalisten. Wie er sich fühlt, fragten sie ihn.

Der erst 40-jährige Direktor des Institute Henri Poincaré in Paris und Professor an der renommierten École normale supérieure de Lyon hat ein gutes Verhältnis zur Öffentlichkeit. Und inszeniert sich mit einer Schleife, die er um den Stehkragen seines Hemdes bindet, und mit schulterlangem Haar optisch als eine Art Franz Liszt der modernen Mathematik, nur weitaus fröhlicher als der rastlose Komponist. Da ein Tagebuch vorzulegen, in dem er die kleinen Siege und Niederlagen auf dem Weg zu jener Arbeit beschreibt, die ihm schließlich die ersehnte Fields-Medaille brachte, erscheint nur logisch.

Es liest sich wie der autobiografische Roman eines genialen, selbstkritischen, aber auch eitlen Denkers, der unbeirrbar seinen "mathematischen Liebschaften" nachgeht. Wem bei der Lektüre angesichts von Begriffen wie der Boltzmann-Gleichung der kalte Angstschweiß der Unwissenheit auf der Stirn steht, der darf sich getrost auf das Ende des Kapitels verlassen, wo Villani Gleichungen und Formeln, die man nicht kennen muss, näher beschreibt. Ein Anhang, den mathematische Bücher brauchen, wenn ihre Autoren von einer breiteren Leserschaft als den Eingeweihten verstanden werden wollen.

Rudolf Taschner Bücher sind eigentlich der ideale Anhang für alle schwierig zu verstehenden Mathematikbücher. Sein neuestes Werk, Die Zahl, die aus der Kälte kam, wie üblich im Stil eines launigen Geschichtenerzählers verfasst, berichtet von der Bedeutung der Zahlen für vergangene und gegenwärtige Gesellschaften. Taschner erzählt vom Rechnen als Herrschaftswissen, von der Zeit, als ein Mann namens Adam Ries dieses Wissen zu Allgemeingut machte, und von Spionen und wie sie Nachrichten dechiffrierten.

Wenn man all dies liest, ist es fast so, als höre man Taschner bei einem seiner Vorträge. Er plaudert, er extemporiert wie ein Schauspieler, der auf der Bühne plötzlich von der Laune übermannt wird, ein bisschen mehr als die vom Autor vorgeschriebenen Worte zu sprechen und trotzdem bei der Wahrheit zu bleiben. Taschner ist kein Cédric Villani, das muss er aber auch nicht, denn der Erfolg gibt ihm auch so recht: Niemals hat jemand für ein so innig gehasstes Fach wie Mathematik mehr Zuhörer und Leser gehabt als er.

Apropos Publikum: Das ist das, was der Russe Grigori Perelman gar nicht braucht. Er war es, der eines der kompliziertesten Rätsel der Mathematik, die Poincaré-Vermutung, löste und dafür mit der Fields-Medaille geehrt werden sollte. Er lehnte ab und zog sich völlig zurück.

Die russische Journalistin Masha Gessen zeichnet das Leben dieses Gespenstes der höheren Mathematik nach - anhand von Gesprächen mit Zeitgenossen. Mit dem Porträtierten selbst hat sie allerdings nie gesprochen - was das Buch insofern angreifbar macht, als der Protagonist nicht direkt fassbar ist.

Die Frage, was ihn dazu trieb, sich zurückzuziehen, beschäftigt auch Gessen über Gebühr. Ist es Autismus? Eine Spekulation, nichts weiter. Villani schreibt dazu, der Rückzug sei gar nicht das Sensationelle am Leben von Perelman. Er bewundert die "Charakterstärke und den außerordentlichen Scharfsinn (...), um in sieben Jahren einsamer (...) Arbeit das (...) Rätsel des 20. Jahrhunderts zu lösen." Wenn das ein Mathematiker, der die Öffentlichkeit ganz und gar nicht scheut, über einen zurückgezogenen Mathematiker sagt, dann will das schon einiges heißen. (Peter Illetschko, DER STANDARD, 9.10.2013)

  • Rudolf Taschner: "Die Zahl, die aus der Kälte kam", Hanser, 2013
Cédric Villani: "Das lebendige Theorem", S. Fischer, 2013
Masha Gessen: "Der Beweis des Jahrhunderts. Die faszinierende Geschichte des Mathematikers Grigori Perelman", Suhrkamp, 2013
    covers: hanser, s. fischer, suhrkamp

    Rudolf Taschner: "Die Zahl, die aus der Kälte kam", Hanser, 2013

    Cédric Villani: "Das lebendige Theorem", S. Fischer, 2013

    Masha Gessen: "Der Beweis des Jahrhunderts. Die faszinierende Geschichte des Mathematikers Grigori Perelman", Suhrkamp, 2013

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