Private Blicke auf die NS-Zeit

8. Oktober 2013, 19:44
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Ein Projekt zur Erschließung und Digitalisierung von Amateurfilmen

Die zwölf Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft sind filmhistorisch bestens dokumentiert. Allerdings hat die Sache einen Haken: Der weitaus überwiegende Teil des überlieferten Materials hat propagandistischen Charakter, und nicht immer wurde dies in der Aufbereitung ausreichend berücksichtigt. Es macht also Sinn, sich hier noch einmal neu den Quellen zuzuwenden und nach Möglichkeit neue Quellen zu erschließen.

Dies geschieht mit dem Projekt "Ephemere Filme. Nationalsozialismus in Österreich", das von Ingo Zechner (siehe Interview) gemeinsam mit Michael Loeben-stein geleitet wird und zu dem sich das Österreichische Filmmuseum, das Ludwig-Boltzmann-Institut für Geschichte und Gesellschaft sowie das United States Holocaust Memorial Museum zusammengetan haben (die Mittel kommen vom Zukunftsfonds der Republik Österreich).

Ephemere Filme sind solche, die eben nicht den offiziellen Zusammenhängen entstammen, für die damals gedreht wurde, vornehmlich Wochenschauen und Kulturfilme und natürlich der ganze Bereich der vermeintlich harmlosen NS-Unterhaltung. Daneben gab es aber auch 1933 bis 1945 schon eine Filmproduktion von "Amateuren", Menschen, die aus eigenen Stücken bei Aufmärschen oder anderen öffentlichen Anlässen drehten, aber auch in privaten Situationen.

So entsteht in der Erschließung dieses Materials ein differenzierteres Bild von der Alltagsgeschichte des Nationalsozialismus in Österreich, von frühen Aktivitäten der illegalen Partei über die Zeit des "Anschlusses" bis in die Jahre des Krieges. Ein wichtiger Aspekt betrifft dabei auch jüdisches Leben, von dem kostbare filmische Dokumente überlebt haben und nun als ephemere Spuren das historische Wissen bereichern, die aber auch von unschätzbarem gedächtnispolitischem Wert sind.

Das Projekt steht vor mehreren Herausforderungen: Es geht um die Sicherung des Materials, das in der Regel nur als Original vorliegt. Digitale Transfers bilden die Grundlage für die wissenschaftliche Erschließung, an deren Ende ein Online-Archiv stehen soll: Die Filme werden dafür mit Anmerkungen versehen, da sich die Geschehnisse nicht immer von selbst erklären. Geschichtswissenschaft trifft auf Filmtechnik und findet in den digitalen Technologien eine gemeinsame Basis der Vermittlung - ein gutes Beispiel für das, was im angloamerikanischen Raum als "Digital Humanities" bezeichnet wird. (reb, DER STANDARD, 9.10.2013)

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