Akademie-Mitglied kritisiert Übergehen von CERN

9. Oktober 2013, 15:22
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Trotzdem Jubel am CERN und an der Universität Edinburgh - Neuer HEPHY-Direktor Schieck: "Das lag in der Luft"

Stockholm - Dreimal wurde am Dienstag die Verkündung des Physik-Nobelpreises verschoben, bis die Preisträger schließlich mit einer Stunde Verspätung bekanntgegeben wurden. Als einzige Erklärung folgte ein kurzes Statement auf dem offiziellen Twitteraccount der Nobelpreise, dass es im Preis-Komitee "eine sehr gute Diskussion" gegeben habe.

Einen Tag später präzisierte dies Akademie-Mitglied Anders Bárány, Enkel des aus Wien weggemobbten Medizin-Nobelpreisträgers Robert Bárany, gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Bárány ist der Meinung, dass auch das europäische Forschungszentrum CERN den Preis erhalten hätte sollen: In Anerkennung des Umstands, dass die CERN-Forscher die Theorie von Peter Higgs und Francois Englert bewiesen haben. Bárány wies auf den ungewöhnlichen Umstand hin, dass die Preis-Jury CERN ausdrücklich erwähnt hatte - für eine ausreichende Anerkennung hält er das jedoch nicht.

Riesenjubel am CERN

Dennoch hat die Verleihung des Physik-Nobelpreises an Peter Higgs und Francois Englert am CERN Begeisterung ausgelöst. "Hier war ein Riesenjubel", sagte die Teilchenphysikerin Kerstin Borras unmittelbar nach der Bekanntgabe am Dienstag. Weit über 100 Forscher hatten sich demnach im großen Foyer des Bürogebäudes am CERN in Genf verteilt und verfolgten live die Übertragung der Preisbekanntgabe, die sich eine gute Stunde verzögert hatte.

"Wir haben alle hier eine Stunde gewartet. Das war eine Superanspannung, die sich dann in einem Riesenapplaus löste", erzählte Borras. "Es war natürlich nicht 100-prozentig klar, aber wir haben schon gehofft, dass die historische Entdeckung dieser Forscher gewürdigt wird." Dass kein Mitarbeiter des CERN mitaufgeführt war, sah Borras gelassen. "Es ist sehr schwierig, einen CERN-Wissenschaftler herauszuheben. Wir sind eine weltweite Forschergemeinde."

Reaktion aus Österreich

"Das lag in der Luft." So kommentiert der neue, seit Anfang Oktober amtierende Direktor des Instituts für Hochenergiephysik (HEPHY) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), Jochen Schieck, die Zuerkennung des Physik-Nobelpreises 2013 an die beiden Physiker Francois Englert und Peter Higgs. Man könne nie genau sagen, auf welchem Gebiet der Nobelpreis vergeben werde, aber die experimentelle Bestätigung des von den beiden vorhergesagten Higgs-Teilchens am europäischen Kernforschungszentrum CERN im vergangenen Jahr sei sicher "die herausragendste wissenschaftliche Entdeckung".

Dass nicht das CERN bzw. die Tausenden an den beiden Experimenten ATLAS und CMS beteiligten Physiker ausgezeichnet wurden, findet Schieck richtig. "Ich fühle mich als Experimentalphysiker deshalb nicht auf den Schlips getreten. Ich war an einem der beiden Experiment beteiligt, das ist als ob ich auch den Preis mitbekommen habe", so der Physiker, der von der Universität München nach Wien gewechselt ist und den Nobelpreis und als "eine Bestätigung für unsere Wissenschaft" sieht.

Schieck erinnert an die Problematik, vor der die Physik in den 1960er Jahren gestanden ist, weil die Austauschteilchen der schwachen Wechselwirkung - die W-Bosonen und die Z-Bosonen - keine Masse hatten. Die schwache Wechselwirkung ist eine der vier Grundkräfte der Natur und für eine bestimmte Art des Zerfalls von Atomkernen bzw. die Umwandlung von Teilchen verantwortlich. Die ganze Energieproduktion der Sonne - ausgelöst durch die in ihrem Inneren ablaufende Kernfusion - basiert auf dieser Kraft.

"Nicht ganz einfacher Mechanismus"

"Man wusste, dass diese Austauschteilchen nicht masselos sein können, die Frage war nur, wie man ihnen Masse geben kann, ohne die gesamte Theorie über den Aufbau der Materie zu verletzen", so Schieck. Higgs und Englert hätten unabhängig voneinander "einen nicht ganz einfachen Mechanismus vorgeschlagen, der dann durch einen unheimlichen, Jahrzehnte dauernden experimentellen Aufwand bestätigt wurde - genau so, wie es vorhergesagt wurde, das ist schon eine tolle Sache", sagte der Physiker.

Im HEPHY ist man stolz darauf, mit dem österreichischen Beitrag zum Experiment CMS (Compact Muon Solenoid) direkt zum Nachweis des Higgs-Bosons beigetragen zu haben. Damit habe das HEPHY bereits zum dritten Mal innerhalb von 30 Jahren an Experimenten mitgearbeitet, die zur Vergabe von Nobelpreisen für Physik geführt haben - konkret der Physik-Nobelpreis 1984 für Carlo Rubbia für seine Beiträge zur Entdeckung der W- und Z-Bosonen und 2008 der Nobelpreis für Makoto Kobayashi und Toshihide Maskawa für die theoretischen Vorhersagen zur CP-Verletzung im Standardmodell der Teilchenphysik.

Schieck hat bisher am ATLAS-Experiment mitgearbeitet. Mit Antritt seiner Funktion am HEPHY wird er nun zum Experiment CMS wechseln. Der Teilchen-Beschleuniger LHC (Large Hadron Collider) und das CMS-Experiment werden derzeit auf eine neue Experimentierphase vorbereitet. Ab 2015 soll eine höhere Kollisionsenergie und eine größere Intensität die detaillierte Vermessung der Eigenschaften des Higgs-Teilchens ermöglichen.

Weitere Stimmen

Auch an der Universität Edinburgh, wo Peter Higgs emeritierter Professor ist, herrschte am Dienstag große Freude über die Wahl der Jury in Stockholm. "Wir sind hocherfreut über die Nachricht von diesem Nobelpreis", sagte der Rektor der Universität Edinburgh, Timothy O'Shea. "Die Entdeckung des Higgs-Teilchens wird die nächste Generation der Forschung in der Physik stärken, und diese Auszeichnung ist eine verdiente Anerkennung ihrer Bedeutung", sagte O'Shea. "Professor Higgs' Arbeit wird weiterhin Forscher in Edinburgh und darüber hinaus inspirieren."

Der belgische Premier Elio Di Rupo hat seinem Landsmann Francois Englert zum Physik-Nobelpreis gratuliert. "Sie (die Auszeichnung) ehrt die Freie Universität von Brüssel und ganz Belgien", erklärte der sozialistische Spitzenpolitiker am Dienstag in Brüssel. Der Preis sollte Forscher und junge Menschen ermutigen, sich wissenschaftlichen Studien zuzuwenden. "Wissenschaft und Innovation bedeuten mehr denn je unsere Zukunft", so der Regierungschef.  (APA/red, derstandard.at, 08.10.2013)

  • CERN-Wissenschafter nach der Verkündung des heurigen Physik-Nobelpreises in Feierlaune.
    foto: apa/epa/salvatore di nolfi

    CERN-Wissenschafter nach der Verkündung des heurigen Physik-Nobelpreises in Feierlaune.

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