Die unterbelichtete Rolle von Kriegsfotografen

8. Oktober 2013, 16:05
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Was dürfen Pressefotografen zeigen, wo liegen die Grenzen? Eine Branche zwischen Sparzwang, Voyeurismus-Vorwürfen und Inszenierung

Wien - Ein hungerndes Mädchen im Sudan, hinter dem gekrümmten Körper wartet der Geier. Dieses Bild von Kevin Carter ging 1993 um die Welt. Der Fotograf erhielt damit mit dem Pulitzer-Preis . Es sorgte aber auch für heftige Diskussionen darüber, was ein Pressefotograf zeigen darf, wann er abdrücken soll, wo die Grenze zur Pietätlosigkeit liegt. Carter wurde vorgeworfen, unmoralisch zu agieren. Kurz drauf nahm er sich das Leben. 

Den Vorwurf kann Fotograf Robert Newald nicht nachvollziehen. "Ich hätte dieses Bild genau so gemacht", sagt er bei einer sehr gut besuchten Diskussion über Krisen- und Kriegsfotografie am Montagabend im Wiener Westlicht, die in Kooperation mit dem STANDARD organisiert wurde. Die Moderation übernahm STANDARD-Redakteurin Julia Herrnböck. Fotografen seien nicht in diesen Gebieten, um wegzuschauen. Newald, er ist unter anderem für den STANDARD tätig und hat selbst viel in der Sowjetunion und in Ex-Jugoslawien fotografiert, hat viele Aufträge für Kriegsreportagen abgelehnt. Newald: "Ich fahre nicht wohin, wo ich mich nicht auskenne, die Sprache nicht kann, zu wenig über den Konflikt weiß." Denn dann könne man nur Bilder an der Oberfläche produzieren, "und das will ich nicht".

Kein Rezept

Auch in Wien ist er als Fotograf immer wieder mit Gewalt konfrontiert gewesen, hat immer wieder Tote gesehen und auch fotografiert. Was man zeigen darf, müsse man immer wieder neu abwägen. "Es  gibt hier kein Rezept." Aber eine sterbende Person würde Newald nicht fotografieren. Generell sei er aber dafür, möglichst viel zu zeigen. "Der Vorwurf, Voyeurismus zu bedienen, ist für mich nicht nachvollziehbar. Die meisten Menschen, die sich die Bilder anschauen, sind keine Voyeure." Das sei oft eine Schutzbehauptung, weil man manche Sachen einfach nicht sehen, nicht hinschauen wolle.

Fotografen als Zeitzeugen

"Ein Mensch, der stirbt, hat das Recht auf die Würde, allein zu sterben, ohne dabei fotografiert zu werden", sagt Rubina Möhring, Präsidentin von Reporter ohne Grenzen in Österreich. Durch den großen Konkurrenzkampf, gerade auch im Boulevard, bestehe aber immer wieder die Gefahr, dass Grenzen überschritten werden. "Fotografen in Krisengebieten sind Zeitzeugen, sie zeigen nicht nur die siegreichen Momente, sondern auch das Alltagsleben, die Menschen, die von den Krisen, von den Kriegen betroffen sind", sagt Möhring und verweist hier auf das Bild, das dieses Jahr den ersten Preis beim World Press Photo Award gewonnen hat.

In der Galerie Westlicht werden derzeit die World Press Photos präsentiert, auch dort werden die Veranstalter immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob man diese Bilder zeigen darf. "Ja, denn diese Fotos tragen auch zum politischen Verständnis bei. Leute gehen betroffen aus der Ausstellung heraus", sagt Westlicht-Gründer Peter Coeln. 20.000 bis 25.000 Menschen würden sich jährlich die World-Press-Photo-Ausstellung in Wien ansehen.

World Press Photo-Gewinner: Das Bild von Paul Hansen zeigt eine Begräbnisszene in Gaza (Foto: apa/epa/Hansen)

Unterbelichtete Rolle

Möhring weist auch darauf hin, dass diese Krisen nicht nur weit weg stattfinden, sondern auch im eigenen Land. Es gebe keine Aufstellungen darüber, wie viele Fotografen in ihrem Job ums Leben kommen. Generell sieht sie Fotografen in ihrer Rolle "unterbelichtet". Über sie werde nur beiläufig berichtet, sie bekämen nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdienten, obwohl sie die gleiche Verantwortung wie schreibende Journalisten und Kameraleute hätten. Möhring: "Fotografen sollen sich genau überlegen, welche Geschichten sie mit ihren Bildern schreiben."

Petra Ramsauer war vor kurzem in Syrien. Die freie Journalistin veröffentlichte ihre Reportagen unter anderem in der "Zeit", in "News", in der "Neuen Zürcher Zeitung" und war in vielen Krisen- und Kriegsgebieten unterwegs. "Es gibt vielleicht derzeit 300 bis 400 Journalisten, die Kriegsreportagen machen. Man kennt sich untereinander, kennt die Fahrer, Übersetzer. Dadurch hat man die Möglichkeit zu verifizieren, woher Bilder stammen."

Grad der Vernetzung

Die Bildauswahl zu ihren Texten übernimmt sie selbst, spricht mit den Fotografen, wenn sie nicht persönlich dabei war. Die Situation in Syrien oder Libyen schaffe eine neue Solidarität unter den Journalisten. "Man spricht sich gegenseitig ab. Der Grad der Vernetztheit ist momentan sehr hoch. Infos  werden untereinander ausgetauscht", erzählt sie. Auch soziale Medien und die Digitalisierung helfen für rasche Kontrollen. "Ich denke es gelingt uns besser denn je zu verhindern, dass allzu große Lügen geschehen"." Aber natürlich sei man damit konfrontiert, dass sich Situationen sehr rasch ändern.

Ausgezeichnet beim World Press Photo-Award: Szene aus Aleppo in Syrien. (Foto: Emin Ozmen)

Inszenierung

"Die Zeiten des Embedded Journalism sind Gott sei Dank vorbei", sagt Ramsauer. Aber natürlich müsse man sich klar darüber sein, dass Journalisten auch Inszenierungen ausgesetzt sind. "Einem Journalisten muss täglich bewusst sein, dass die Chance, Opfer von Inszenierungen zu werden, in Kriegzeiten enorm hoch ist", sagt auch Fritz Hausjell, Medienhistoriker an der Universität Wien.

Die Wissenschaft biete verhältnismäßig wenig solide Erkenntnisse, was Pressefotos bewirken können, sagt Hausjell. "Es gibt eine große Trennlinie. Einerseits das, was jemand sehen will und bewusst sieht – das kann sich ikonografisch eingraben. Auf der anderen Seite ziehen viele Bilder aber auch an uns vorbei, obwohl sie schrecklich sind. Wir sind in der Lage, vieles auszublenden, was uns zu nahe geht. Lebensfähigkeit ist auch ein Stück Verdrängung. Hängen bleiben wir bei Bildern, wo Gesichter zu sehen sind, starke Ausdrücke."  Meistens würde man mit dem Bild allein doch nicht auskommen. "Bilder kommen nicht immer ohne Worte aus", sagt Hausjell.

Grenze von Pietät und Pietätlosigkeit

Natürlich könne es auch zu einer Übersättigung von Kriegsbildern kommen, sagt Möhring, "Bilder werden von Tag zu Tag austauschbar". Es gehe darum, jene Momente festzuhalten, die auch 40 Jahre später noch denselben Gehalt haben wie im Moment der Aufnahme. Als Beispiel erwähnt sie das berühmte Foto des vietnamesischen Mädchens. Möhring: "Wer diese Bilder macht, kennt auch die Grenze von Pietät und Pietätlosigkeit."

Foto: AP/Nick Ut

Petra Ramsauer arbeitet derzeit an einer Reportage über Kinder in Syrien, in den von Rebellen gehaltenen Gebieten. Ein großes Problem sei, dass die großen Hilfsorganisationen nur in Gebiete gehen können, wenn es die Regierung gestattet. Hier bahne sich ein großes  humanitäres Problem an. Ihr wurden Fotos von stark unterernährten Kindern zugespielt. "Für diese Fotos ist es aber jetzt noch viel zu früh", sagt sie. Und diese Bilder würden ohne Text nicht auskommen, dürfen nicht voneinander getrennt werden. Wenn die Situation nicht so schlimm sei, wie das Bild suggeriere, würde das die Glaubwürdigkeit von Hilfsorganisationen untergraben.

Kamera und Distanz

"Ich halte Situationen oft nur durch den Blick durch die Kamera aus", sagt Ramsauer. Die Kamera habe geholfen, in der Situation Distanz zu bekommen, sagt auch Newald. Manche Bilder gehen ihm bis heute nicht aus dem Kopf, "man nimmt auch Gerüche, Geräusche mit". Viele Fotografen, seien traumatisiert, müssten das Erlebte meist allein aufarbeiten. Supervision könnte helfen. Hier will Möhring auch Medien in die Pflicht nehmen. "Medien müssen sich die Fragen stellen, ob sie diese Infos haben wollen. Und wenn ja, welche Zusatzkosten das wert ist". Sie fürchtet aber, dass die Gesellschaft auf solche Fragen nicht eingestellt ist. "Es bleibt also bei den Einzelnen, mit ihren Erlebnissen, die sie im Dienste der Informationsfreiheit erbracht haben, umzugehen. Das ist traurig und bedenklich."

Jeder, der Journalist wird, soll darauf vorbereitet sein, dass der Beruf kein Zuckerschlecken ist. "In Kriegsgebieten wird geschossen", sagt Möhring. Auch in Asylheimen Interviews zu machen könne traumatisierend sein. "Journalismus ist nichts für den Prinzen oder die Prinzessin auf der Erbse."

Aleppo, Syrien, Foto: EPA/Fabio Bucciarelli

Freelancer und Bezahlung

Thema war freilich auch das das aktuelle Sparprogramm bei Medien. "In Nordsyrien berichten zu 95 Prozent Freelancer", sagt Ramsauer. Man hat die Budgets für Auslandsberichterstattung gekürzt, schon vor dem Arabischen Frühling haben auch etablierte Medien Korrespondentenstellen eingespart. Derzeit werde so schlecht bezahlt, dass es sich für niemanden mehr auszahle, dort hinzufahren. Sie hat mit sieben Reportagen aus Nordsyrien 2.300 Euro verdient, die Spesen beliefen sich auf 1.600. Euro. Derzeit gebe es viele Nachrichtensperren, viele Medien würden Geschichten auch nicht mehr kaufen.

Stiftungsmodelle als neuer Weg

Vorschlag von Hausjell: Die Presseförderung daran koppeln, dass Korrespondentenplätze geschaffen werden. Und: "Journalisten ordentlich bezahlen, damit sich Menschen diesen Beruf leisten können und nicht PR-Texte schreiben oder Werbung machen müssen." Ramsauer ist hier wenig optimistisch. "Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass es wieder viel Geld für Krisenberichterstattung gibt." Modelle wie in den USA, wo Stiftungen hochkarätigen Journalismus finanzieren, sieht sie als wichtigen gesellschaftspolitischen Impuls. "Ich mag mich nicht darauf verlassen, dass es Zeitungen gibt, die das finanzieren." Hier fehle es im deutschsprachigen Raum an Innovationskraft, der Auslandsjournalismus müsse hier neue Wege gehen. (Astrid Ebenführer, derStandard.at, 8.10.2013)

Ansichtssache
World Press Photo: Bild toter Kinder im Gaza-Streifen ist Pressefoto des Jahres

Link
WestLicht - Schauplatz für Fotografie 

Hinweis
Die World Press Photo-Ausstellung ist noch bis 13. Oktober im WestLicht zu sehen.

  • Petra Ramsauer, Robert Newald, Fritz Hausjell, Rubina Möhring, STANDARD-Redakteurin Julia Herrnböck moderierte.
    foto: peter jakadofsky/westlicht

    Petra Ramsauer, Robert Newald, Fritz Hausjell, Rubina Möhring, STANDARD-Redakteurin Julia Herrnböck moderierte.

  • Petra Ramsauer berichtet aus Nordsyrien.
    foto: peter jakadofsky/westlicht

    Petra Ramsauer berichtet aus Nordsyrien.

  • Robert Newald: "Es gibt kein Rezept".
    foto: peter jakadofsky/westlicht

    Robert Newald: "Es gibt kein Rezept".

  • Fritz Hausjell, Rubina Möhring.
    foto: peter jakadofsky/westlicht

    Fritz Hausjell, Rubina Möhring.

  • Voller Saal im Wiener Westlicht.
    foto: peter jakadofsky/westlicht

    Voller Saal im Wiener Westlicht.

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