Ein Theater nächst und fern der Burg

7. Oktober 2013, 19:02
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In Oravita, einer Bergbaustadt mit multikultureller Vergangenheit im Südwesten Rumäniens, steht bis heute eine Kopie des alten "Theaters nächst der Burg"

Oravita/Wien - "Wien war eben Vorbild", sagt Ionel Bota, "deshalb hat Ion Niuni, der Architekt, einen Kollegen aus Wien gebeten, die Pläne des Burgtheaters zu kopieren. Niuni und Franziskus Knee haben sie dann hier umgesetzt." Bota ist Direktor des Mihai-Eminescu-Theaters in Oravita, einem 8000-Einwohner-Städtchen im südwestrumänischen Banat.

Wer wissen will, wie das "Theater nächst der Burg" am Michaelerplatz ausgesehen hat, muss hierher kommen. Die detailgetreue Kopie des Burgtheater-Vorläufers ist weitgehend im Originalzustand erhalten. Das Wiener Original wurde im Zuge der Hofburg-Erweiterung abgerissen, nachdem das Ensemble vor genau 125 Jahren in den neuen Prachtbau am Ring umgezogen war. Die letzte Vorstellung im alten Haus fand am 12. Oktober 1888 statt (siehe Wissen).

Errichtet wurde das Theater in Oravita (deutsch: Orawitz) 1817. In jenem Jahr jährte sich die Zugehörigkeit des Banats zum Habsburgerreich zum 100. Mal. Es ist damit das älteste Theatergebäude im heutigen Rumänien. Oravita war damals das wirtschaftliche und administrative Zentrum des Banater Berglands, einer bedeutenden Bergbauregion. Aus allen Teilen der Monarchie kamen Minenarbeiter und Beamte hierher. In Oravita ließen sich viele Tiroler nieder, außerdem Tschechen, Polen, Serben und Ungarn. Neben Rumänen lebten auch relativ viele Angehörige der kleinen Minderheit der Aromunen hier.

Die multikulturellen Bewohner Oravitas waren kulturbegeistert. "Schon kurz nach 1720 existierten Lesezirkel und Amateurtheatergruppen", erzählt Ionel Bota. "Die Mitglieder waren Beamte des Bergbauamts, das hier seinen Sitz hatte, Gymnasiasten und Minenarbeiter, sie kamen aus allen Schichten und allen Ethnien." Anfang des 19. Jahrhunderts gründeten Orawitzer Laienschauspieler den "Dilettanten-Club" mit dem ausdrücklichen Ziel, ein Theater zu errichten, um nicht mehr in Gasthäusern oder dem Postgebäude auftreten zu müssen.

Spenden aus vielen Ethnien

Damit es dazu kommen konnte, bedurfte es allerdings eines Umwegs. 1815 organisierte der Klub einen Benefizball für die Opfer der Napoleonischen Kriege. Dabei wurde vom Gerichtsvorsitzenden Prokop Lhotka de Zmislov, einem Tschechen, vorgeschlagen, auch für ein Theatergebäude zu spenden. Und tatsächlich wurde von da an gespendet - und zwar beträchtliche Summen. Die in dem kleinen Theatermuseum ausgestellten, akribisch geführten Listen zeigen, dass die Geldgeber nicht nur aus Orawitz kamen und den verschiedensten Volksgruppen angehörten.

Anfang 1816 war genug Geld vorhanden, um den Bau in Angriff zu nehmen. Das Theater eröffnete im Oktober 1817 in Anwesenheit von Kaiser Franz I. und seiner Frau Karoline Auguste mit den Stücken Die beschämte Eifersucht und Der Lorbeerkranz oder Die Macht des Gesetzes. Ein eigenes Ensemble hat das Banater Burgtheater nie gehabt, aber in den folgenden Jahrzehnten traten professionelle Truppen aus ganz Europa hier auf. Stolz ist man in Oravita darauf, dass 1868 eine Compagnie am Theater gastierte, in der der als rumänischer Nationaldichter geltende Mihai Eminescu Souffleur war. Daran soll der heutige Name des Theaters erinnern.

Die Orawitzer Amateure gaben manchmal an einem Abend ein Stück in mehreren Sprachen. "Dieselben Schauspieler spielten dann auf Deutsch, Ungarisch, Rumänisch, manchmal auch auf Serbisch. So war die Reihenfolge", erzählt Ionel Bota: "Diese Vorstellungen begannen um 15 oder 16 Uhr und dauerten bis spät am Abend, danach fand häufig ein Ball statt."

Mit dem aufkommenden Nationalismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts seien die Orawitzer Volksgruppen aber immer mehr unter sich geblieben, fügt Bota hinzu. Heute finden nur noch gelegentlich Veranstaltungen im Mihai-Eminescu-Theater statt, der Denkmalschutz steht im Vordergrund.

Auch die Glanzzeiten von Oravita sind längst vorbei. Die letzte Mine wurde 1996 geschlossen. Ausländische Firmen haben in den vergangenen Jahren in der Gegend investiert, vor allem in Land- und Holzwirtschaft, erzählt Constantin Rasinar von der Orawitzer Stadtverwaltung.

Dennoch liegt die Arbeitslosigkeit bei etwa 35 Prozent. Der seit 2012 amtierende sozialdemokratische Bürgermeister Dumitru Ursu möchte mit einem Industriepark Geldgeber anlocken. "Wir sind offen für Investitionen aus Österreich", sagt Rasinar. Auch der Tourismus soll forciert werden. Zwei Nationalparks sind in der Nähe - trotz der jahrhundertealten Bergbautradition gibt es weithin unberührte Natur im Banater Bergland.

Vor allem aber setzt man auf die Anziehungskraft des Monarchie-Charmes. Neben dem ältesten Theater liegt hier auch die älteste Bahnstrecke des Landes, wegen der malerischen Landschaft und der zahlreichen Viadukte "rumänischer Semmering" genannt. Seit genau 150 Jahren führt die Trasse von Oravita ins etwa 30 Kilometer entfernte Anina. Auch heute noch fahren Dampfloks. Als die staatliche Rumänische Eisenbahn CFR die Strecke im Juni dieses Jahres an einen touristischen Betreiber abgeben wollte, fand sich allerdings kein Interessent. (Anna Lindner, DER STANDARD, 8.10.2013)

Wissen: Letzte Grüße aus dem alten Haus, festgehalten von Gustav Klimt

Das alte Wiener Burgtheater, ursprünglich ein Ballhaus aus dem Jahr 1540, wurde nach Umbauarbeiten 1748 als "Theater nächst der Burg" eröffnet. 1776 erklärte Kaiser Joseph II. es zum "Teutschen Nationaltheater". Mehr als hundert Jahre später musste es der Komplettierung des Michaelertrakts der Hofburg weichen.

Bei der Abschiedsvorstellung am 12. Oktober 1888 war "tout Vienne" dabei. Gegeben wurde Goethes Iphigenie auf Tauris. "Das Wiener Publikum liebte das alte Theatergebäude trotz seines scheunenartigen Aussehens", schreibt Julia Teresa Friehs auf der Website habsburger.net. Der ganz aus Holz konstruierte Zuschauerraum war so eng, dass nach der Vorstellung der letzte der 1200 Gäste erst nach einer Stunde ins Freie gelangte.

Vor dem Abriss beauftragte die Stadt Wien Gustav Klimt und Franz Matsch damit, den Zuschauerraum zu malen. Klimt fügte, so Friehs, 200 Miniporträts ein, ein "Who's Who" der Wiener Gesellschaft. Doch nicht ganz: "Als sich herausstellte, dass der spätere Bürgermeister Karl Lueger fehlte, musste Klimt ihn nachträglich einfügen." (jk, DER STANDARD, 8.10.2013)

  • Professionelle Compagnien aus ganz Europa traten nach der Eröffnung im Jahr 1817 im Theater von Oravita auf. Heute wird es nur noch selten bespielt.
    foto: mihai surdea

    Professionelle Compagnien aus ganz Europa traten nach der Eröffnung im Jahr 1817 im Theater von Oravita auf. Heute wird es nur noch selten bespielt.

  • Das Theater von Oravita auf einer Ansichtskarte aus dem Jahr 1900.
    foto: theaterarchiv oravita

    Das Theater von Oravita auf einer Ansichtskarte aus dem Jahr 1900.

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