Aus Satire wurde ein Trauerspiel

Gastkommentar7. Oktober 2013, 15:15
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Die provokanten "Roma-Salami"-Plakate sollten auf die Armutsproblematik hinweisen - allerdings mit äußerst bitterem Nachgeschmack

"Literaturgattung, die durch Ironie und spöttische Übertreibung menschliche Schwächen, politische Ereignisse und Ähnliches kritisiert"; "bildliche Darstellung, die eine Eigenschaft oder ein Merkmal stark übertreibt und dadurch lächerlich macht": Diese Definitionen findet man im Deutschen Wörterbuch von Wahrig unter den Stichwörtern Satire beziehungsweise Karikatur.

Mit Bezug auf diese "künstlerischen Mittel" wird die Ausstellung der Plakate einer Wiener Künstlerin, Marika Schmiedt, die derzeit im Alten Rathaus der Stadt Linz zu sehen sind, "gerechtfertigt". Und mit Bezug auf die "Freiheit der kritischen, politischen Kunst" wird denjenigen, die gegen die Ausstellung das Wort erheben, pauschal Engstirnigkeit, sogar totalitäres, nationalistisches Denken vorgeworfen. Wie man doch von den obigen Definitionen entnehmen kann, ist in diesen Fällen das Schlüsselwort: Übertreibung. Übertreibung eines realen, existierenden Ereignisses.

Plakate jedoch, die eine Stange Salami mit einem Etikett "Roma-Salami, gekocht, Zutaten: ungarische Roma" und darauf das Foto von Premier Viktor Orbán zeigen, oder eine andere mit dem Foto eines Krematoriums und der Aufschrift "ungarischer Zigeunerbraten", weisen unmissverständlich auf Ereignisse hin - NS-Diktatur, Genozid, systematische Verfolgung ethnischer Gruppen, staatlich organisierte Pogrome -, die mit der Wahrheit und Realität in Ungarn nichts zu tun haben.

In unserer Region kann und darf niemand vergessen, was diese Ereignisse bedeuten und welches Gewicht diese Worte tragen. So kann hoffentlich auch jeder verstehen, warum ich diese Frage - wie ebenfalls negativ gemerkt - wirklich "bitter ernst" nehme und warum ich all solche Anspielungen bezüglich Ungarn auch hiermit entschieden zurückweise. Diese Werke stellen ein vollkommen falsches und ungerechtes Bild von Ungarn dar, erwecken unbegründet Verstörung und Angst einerseits, Unverständnis und Aufregung anderseits, schaden den Beziehungen unserer Länder sowie dem Anliegen der Roma selbst. Kein Zufall, dass gerade der Obmann des Kulturvereins österreichischer Roma die Ausstellung kritisiert und die bewusste Provokation seitens der Künstlerin für "den verkehrten Weg" hält. Einverstanden mit ihm, kann ich nicht einmal mit bestem Willen und vollem Respekt vor der künstlerischen und Meinungsfreiheit diese Arbeiten akzeptieren und fühle mich verpflichtet, erneut gegen die Ausstellung zu protestieren.

Diese Provokation und die dadurch ausgelösten negativen Auswirkungen sind umso bedauerlicher, als die Absicht höchstwahrscheinlich gut gemeint war - wie Marika Schmiedt selbst erklärt, wollte sie Aufmerksamkeit für die schlimme Lage der Roma in Europa schaffen. Und ich kann nur sagen: Da sind wir uns einig.

Gerade die ungarische Regierung war es, die während ihrer ersten EU-Ratspräsidentschaft 2011 eine europäische Rahmenstrategie für Roma veranlasst hat. Damit ist es uns gelungen, nach langjährigem Schweigen und Untätigkeit in einem ersten Schritt das Anliegen der Roma auf die europäische Agenda zu setzen. Auch uns ist jedoch bewusst, dass diese europäischen Rahmen nur als Ausgangspunkt gelten können. In diesem Sinne haben wir noch im gleichen Jahr die nationale Integrationsstrategie für Roma gestaltet, die wir seitdem auch konsequent ausführen.

Das Grundprinzip der Strategie stimmt mit der Auffassung des zuvor vom STANDARD zitierten Experten Norbert Mappes-Niediek überein: Das Roma-Problem ist ein soziales - wie er formulierte - Armutsproblem. Dementsprechend haben wir komplexe Programme in den Bereichen Bildung, Gesundheitswesen, Arbeitspolitik, Wohnungswesen, öffentliche Sicherheit und Kultur erarbeitet. Die Fortschritte hat jüngst auch die EU anerkannt. Der Bericht der Kommission von Juni 2013 beurteilt die Tätigkeit der Regierung in den meisten Themenbereichen positiv, mehrere Projekte der ungarischen Seite - in erster Linie die gezielten Maßnahmen für die zumeist benachteiligten Mikroregionen sowie der Ausbau eines robusten Monitoringsystems - werden als zu verfolgende "Best Practice" erwähnt. Laut EU-Kommission ist Ungarn einer der Mitgliedsstaaten, die letztes Jahr am meisten für die Integration der Roma getan haben.

Man kann darüber nicht hinwegsehen, dass die Kommission auch Kritik formuliert hat: Die Segregation der Roma-Kinder im Bereich Bildung bedeutet weiterhin ein ungelöstes Problem. Mit Rücksicht darauf wurde jüngst der "Runde Tisch gegen Segregation" ins Leben gerufen, wo die möglichen Auswege von den ins Bildungssystem der letzten Jahrzehnte kodierten Segregationsfallen gesucht werden.

Auch in weiteren Bereichen haben wir noch viel zu tun. Das bezieht sich besonders auf die Problematik der extremistischen Äußerungen und Phänomene sowie der rassistisch motivierten Verbrechen. Da hat die Regierung Nulltoleranz verkündet und strenge Regelungen bezüglich der rechtlichen Beurteilung von Hassreden, der Verfolgung von uniformierter Kriminalität sowie der Verfolgung von Straftaten zum Schutz von Minderheiten eingeführt. Die Staatsanwaltschaft und die Gerichte arbeiten an der Enttarnung und Bestrafung der Verbrechen gegen Roma in den vorigen Jahren. Jedoch steht es außer Zweifel: Sogar eine einzige xenophobe Äußerung ist eine zu viel.

Wenn in Ungarn oder im Ausland solche Vorkommnisse oder die noch nur sporadische Ergebnisse der Roma-Politik kritisiert werden, soll jedem bewusst sein: Versäumnisse und Fehlentwicklungen von Jahrzehnten sind nur mit langjähriger konsequenter Arbeit und Mentalitätswechsel zu korrigieren. Sowohl der ungarische Staat als auch die überwiegende nüchterne Mehrheit der Bevölkerung ist dazu bereit; dabei begrüßen, sogar benötigen wir allerlei Kooperation, Ratschläge - auch faire, begründete Kritik. Mit unbedachten Aktionen, mit ungerechten Behauptungen dient man doch diesem - gemeinsamen - Anliegen nicht. So wird aus der vermeintlichen Satire nur ein Trauerspiel ... (Vince Szalay-Bobrovniczky, derStandard.at, 7.10.2013)

Vince Szalay-Bobrovniczky ist ungarischer Botschafter in Österreich.

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