Nackt auf der Abrissbirne

7. Oktober 2013, 14:53
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Sinéad O'Connor und Amanda Palmer reflektieren über Miley Cyrus' neues Video "Wrecking Ball" - Selbstbestimmte Sexyness oder armes Opfer?

Nackt auf einer Abrissbirne sitzen oder einen riesengroßen Vorschlaghammer abschlecken – mit solchen optischen Reizen ist die 20-jährige Sängerin Miley Cyrus derzeit in ihrem Video "Wrecking Ball" zu sehen.

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Quelle: www.youtube.com

Das Video ist Teil einer neuen Vermarktungsstrategie des ehemaligen Teenie Stars ("Hannah Montana"), die hauptsächlich auf Sex setzt. Nun hat das Video allerdings auch eine feministische Auseinandersetzung zur Frage provoziert, welchen Handlungsspielraum weibliche Popstars heutzutage haben. Und das kam so:

Nachdem Cyrus in einem Interview bekanntgab, dass Teile ihres neuen Videos von Sinnead O'Connors Welthit "Nothing compares to you" inspiriert wurden, reagierte die inzwischen 47-jährige O'Connor auf Cyrus Verwandlung zum Sexmaniac in einem offenen Brief.

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Darin appelliert sie an ihre junge Kollegin, sich von der Musikindustrie nicht verkaufen zu lassen und ihr musikalisches Talent nicht durch dieses aggressive Seximage zu verraten. Sie hielt auch nicht mit dem Hinweis zurück, dass Cyrus sexuelles Begehren (von Männern) nicht mit wahrer Zuwendung verwechseln dürfe und dass ihr ihr jetziges Verhalten auf lange Sicht persönlich schaden werde.

Palmer: "Cyrus weiß, was sie tut"

O'Connors paternalistische Zurechtweisung blieb nicht ohne Widerrede: Amanda Palmer, Teil des Duos "Dresden Dolls" und inzwischen hauptsächlich als Solo-Künstlerin tätig, reagierte auf O'Connor ebenfalls mit einem offenen Brief, in der sie ihr einerseits ihre tiefe Wertschätzung ausdrückte und gleichzeitig ihre Wahrnehmung von Cyrus als purem Opfer zurückwies.

Cyrus wüsste, was sie mit ihren Nackt- und Twerk-Auftritten bewirke, sie bezahle die Checks. Aber freilich, niemand dieser "bösen" Studiobosse würde sie daran hindern, sich auszuziehen, weil alle wüssten, dass sich Sex bezahlt macht.

An O'Connors Sichtweise kritisierte sie, dass sie Frauen erst recht wieder Vorschriften machen wolle, wie sie sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren hätten und damit ein Stück weit fortschreibe, was in einem patriachal geprägten Kultursystem ansonsten Männer machten. Damit würde sie Cyrus und alle andere Frauen wieder in den Käfig zurückdrängen, der ihnen keine Handlungsmacht zugestehe.

Mehr künstlerische Freiheit für Frauen

Palmer vergleicht Cyrus Sexperformances mit dem verschlungenen Weg, auf dem Künstlerinnen zu ihrer passenden Bühnenuniform finden. Vor allem Künstlerinnen bräuchten mehr Freiheit, mit Formen in der Öffentlichkeit zu spielen, ohne verurteilt zu werden. Natürlich wolle sie nicht, dass eine ganze Generation von Teenagern auf Cyrus Performance blicke, und den Schluss daraus ziehe, dass man als Frau nur ausgezogen zum Superstar werden könne.

Palmer wünscht sich stattdessen die "ganze Bandbreite" in der kulturellen Palette, gibt aber auch unumwunden zu, dass sie von einer Wunschwelt spricht. Denn bei genauerer Betrachtung der aktuellen und vergangenen weiblichen Superstars zeigt sich, dass fast alle einem normierten, starren Seximage gehorchten: Britney Spears, Christina Aguilera, Rihanna, Beyoncé, Lady Gaga, selbst Madonna.

In einer perfekten Welt könnte Amanda Palmer mit ihren unrasierten Achseln und exzentrischem Bustier die amerikanischen Charts erobern – tut sie aber nicht. Woran das wohl liegt? Bezeichnenderweise kommt auch keiner der oben genannten "Superstars" in Palmers anschließend veröffentlichter Liste an Musikerinnen, die angeblich den schmalen Grad einer selbstbestimmten Sexiness im Showbusiness gegangen sind, vor.

Cyrus reagiert auf Twitter

Miley Cyrus hat im Übrigen gleich auf den Brief von O'Connor reagiert. Sie verschickte Tweets von O'Connor, in dem sie einen verwirrten Eindruck machte sowie ein Foto von ihr, auf dem sie ein Bild von Papst Johannes Paul II zerreißt. Laut O'Connor stammten die Tweets aus einer Zeit, als sie an einer bipolaren Störung litt. Es sei dumm und gefährlich, sich über psychisch Kranke lustig zu machen, meinte O'Connor auf Facebook. (red, dieStandard.at, 7.10.2013)

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