Softwarekonzerne wie SAP entdecken die besonderen Begabungen von Autisten

7. Oktober 2013, 12:01
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Autisten im Job: Mehrwert statt Defizit

Rund 80 Prozent der deutschen Autisten sind arbeitslos, schätzt Matthias Prössl, Geschäftsführer von Specialisterne, einem Unternehmen, das auf die Rekrutierung von Autisten spezialisiert ist: "Und 40 Prozent davon sind langzeitarbeitslos." Eine beträchtliche Zahl an Erwerbslosen, wenn man davon ausgeht, dass rund ein Prozent der Bevölkerung von irgendeiner autistischen Ausprägung betroffen sind.

Strategie

Umso erfreulicher ist die Strategie des weltweit agierenden Softwareunternehmens SAP. Bis 2020 sollen ein Prozent der derzeit 65.000 Mitarbeiter aus dem Autisten-Spektrum kommen. Hinter der Entscheidung steht jedoch keineswegs Altruismus, sondern geschäftliches Kalkül: Das Unternehmen will von der Hochbegabung vieler Autisten profitieren. Ihre Stärken sind etwa analytisches Denken, Detailverliebtheit und absolute Genauigkeit. Fertigkeiten, die sie geradezu dazu prädestinieren, um in der IT-Branche zu arbeiten. Allerdings, mahnt Prössl, keineswegs nur hier. Es gebe auch hervorragende Naturwissenschafter, Lektoren oder sogar Krankenpfleger. Was ihnen in der IT zugutekommt, ist das Medium Computer mit klaren Logiken und Algorithmen: "Es geht nicht primär um Interaktionen und etwa die Fähigkeit, Gesichter zu lesen." Sozialer Austausch stellt Autisten oft vor gravierende Probleme. Der Grund: Defizite bei der Wahrnehmung, beim Lesen von Gestik und Mimik.

In Deutschland wickelt Prössl derzeit mit seiner Agentur Specialisterne den Bewerbungsprozess für SAP ab. 18 Kandidaten sind in der engeren Wahl, zwischen sieben und zehn dürften letztendlich für den Standort in Waldorf engagiert werden. Rekrutierungen für weitere Dépendancen laufen parallel in den USA und Kanada.

"Lebensläufen und Zeugnissen wird kaum Beachtung geschenkt."

Das Bewerbungsverfahren habe mit dem von anderen IT-Fachkräften nur wenig zu tun, erklärt er: "Lebensläufen und Zeugnissen wird kaum Beachtung geschenkt." Die erste Hürde, nach der Personalverantwortliche selektieren, werde so aus dem Weg geräumt, denn: Viele Lebenslaufe sind brüchig, eine durchgehende Erwerbsbiografie ist eine Rarität.

Beim Gespräch selbst müsse auf das Kommunikationsverhalten Rücksicht genommen werden: "Viele sind einsilbig oder verstehen bestimmte Fragen nicht." Etwa wenn eine bildhafte Sprache verwendet wird oder Sarkasmus im Spiel ist. Die nächste Phase sei jene der Beobachtung. Die Aufgabe? Mit Legosteinen einen Roboter bauen: "So merken wir, wie kreativ Bewerber agieren, wie strikt sie sich an die Anleitung halten und wie sie mit Unklarheiten umgehen." Nicht überprüft werden die Softwarekenntnisse. Autisten neigten eher zum Tiefstapeln und nicht zum Übertreiben, so Prössl. Gegen Vorurteile will er ankämpfen: "Die wenigsten wissen wirklich, was Autismus ist", sagt er, "meistens kommen sie mit Rain Man." In dem Film verkörpert Dustin Hoffman nur eine Facette im breiten Autisten-Spektrum. Prössl: "Wir müssen den Mehrwert aufzeigen."(oliver Mark, 7.10. 2013)

Interview mit Matthias Prössl auf derStandard.at/karriere

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