Tanz vor bedrohlichem Hintergrund

7. Oktober 2013, 07:50
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Die israelische Batsheva Dance Company ist mit "Sadeh21" im Tanzquartier zu Gast

Wien - Dieses Schreien ist unmenschlich. Eine Frauenstimme aus dem Hintergrund und wie in weiter Ferne. Als ob da jemand bestialisch gefoltert würde. Kurz vor Ende des Stücks Sadeh21 der israelischen Batsheva Dance Company, das am Wochenende im Tanzquartier Wien, Halle E, zu sehen war, spielt sich ein verborgenes, über wenige, aber lange Minuten hingezogenes Drama ab.

Wenn die 1964 gegründete Truppe am Ende dieser Spielsaison im Juni 2014 mit dem Stück Deca Dance nach Österreich - ans Festspielhaus St. Pölten - zurückkehrt, ist das Publikum schon ein wenig vorbereitet: Unter einem Teppich aus tänzerischer Perfektion und effektvollen Bildern glost etwas ganz Beunruhigendes. Im Vergleich zu Deca Dance, einer Kompilation aus Teilen früherer Arbeiten des Company-Choreografen Ohad Naharin, zeigt der 61-Jährige in Sadeh21 (dt.: Feld21, 2011), wohin er sich entwickelt hat. Während das Publikum noch auf den Beginn wartet, klingt leise ein bedrohliches Grummeln aus den Lautsprechern. Der donnernde Krach, unter dem die Zuschauer eingangs zusammenzucken, kommt also nicht wirklich aus heiterem Himmel.

Danach treten vor dem nüchternen Hintergrund einer breiten, etwa drei Meter hohen Wand die Tänzerinnen und Tänzer einzeln in kurzen Soli auf. Das unheilvolle Krachen wiederholt sich, wenn auch verhaltener, in regelmäßigen Abständen. Die Tänzer bilden in ihren Ruderleiberln und kurzen Hosen eine Gemeinschaft aus vereinsamten Individuen. Der stilisierte Freizeitlook wird durch eine einzelne Figur unterstrichen, die einen blauen Badeanzug trägt.

Ein Mann winkt, eine Frau macht sich bereit wie für den Start bei einem Sprintrennen. Keiner kümmert sich darum. Gruppenkonstellationen in formaler, oft virtuoser Perfektion bilden sich und zerfallen wieder. Die Tänzerin im Badeanzug ruft Zahlen wie einen Code in den Zuschauerraum. Als alle 18 Tänzer erstmals auf der Bühne erscheinen, ist das zu viel der Komplexität. Allgemeine Verwirrung entsteht. Also bricht die Gruppe auseinander und beruhigt sich mit der Erstellung eines Tableau vivant.

Anekdotische Momente blitzen auf. Ein Paar tanzt, bis dessen weibliche Hälfte genug hat und ihren Partner mit ein paar Fußtritten - mehr scherzhaft als gewalttätig - zur Seite kickt. Dennoch, die Spannung steigt. Ein Mann posiert als Statue und versucht, sein Gesicht zu zerreißen. Eine Frau in rotem Badeanzug leitet eine laszive Szene ein, in der eine Girls-Gruppe tanzt wie in einem Club. Ein Mann beginnt ins Publikum zu sprechen, gieksend und unverständlich, ohne zu bemerken, dass seine Rede sich nicht überträgt.

Zunehmend bleibt die immer erratischer umherirrende Gesellschaft auf der Bühne in ihren Posen stecken. Gerade will die Gruppe gegen das Dilemma aufbegehren - da ertönt dieser schreckliche Schrei.

Sadeh21 ist der Ablauf eines vor sich hinwogenden, verhängnisvollen Stillstands, an dessen Ende der Wahn eines kollektiven Suizids steht. Danach kommen die Tänzer nicht mehr auf die Bühne zurück, um sich zu verbeugen. Es gibt keine Absolution. Das Grüppchen von Sadeh21 symbolisiert uns alle in diesem bedrohlich anschwellenden 21. Jahrhundert. Wir haben keinen Grund, uns zu beklatschen. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 7.10.2013)

  • Drama, perfekt dargeboten: Batsheva Dance Company.
    foto: dagon

    Drama, perfekt dargeboten: Batsheva Dance Company.

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