Myokardinfarkt: Beherzte Frauen

7. Oktober 2013, 07:29
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Immer mehr - vor allem ältere - Frauen erleiden einen Herzinfarkt - Nur wenige wissen über die Risikofaktoren Bescheid und können die Symptome erkennen

Stechende, vernichtende Schmerzen im Brustraum, meistens linksseitig, Enge und Todesangst. So werden die häufigsten Symptome eines Herzinfarkts beschrieben. "Hat ein Mann solche Schmerzen, wird seine Frau sofort die Rettung rufen", sagt die Wiener Kardiologin Jeanette Strametz-Juranek.

Schwieriger ist es, Anzeichen eines Herzinfarkts bei Frauen zu erkennen. Denn sie unterscheiden sich wesentlich von jenen der Männer. Bei Frauen schleicht sich die lebensbedrohende Krankheit an. Sie kann sich in Atemnot äußern, verminderter Leistungsfähigkeit, diffusen Schmerzen im Brustraum, im Bauch. "Frauen nehmen diese Symptome als etwas anderes wahr", sagt die Expertin für Gender-Medizin, "sie denken, es könnte der Magen sein, die Depression, die Menopause." Bei Anzeichen sollten ein Belastungs-EKG durchgeführt und die Blutwerte überprüft werden.

Blockierte Durchblutung

Zu einem Infarkt kommt es, wenn der Herzmuskel schlecht durchblutet ist. Engstellen in einem Herzkrankgefäß können die Durchblutung blockieren, Teile des Herzmuskels sterben ab. Dieses Absterben (Infarkt) ist lebensbedrohend. Obwohl jede zweite Frau in Österreich an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung stirbt, gilt der Herzinfarkt immer noch als Männerdomäne.

Zu lange habe man medizinische Forschung nur an Männern durchgeführt, Behandlungsrichtlinien und Gesundheitsprogrammen an den Ergebnissen dieser Studien ausgerichtet, wurde die genderspezifische Symptomatik von Ärzten nicht wahrgenommen, sagt Strametz-Juranek. Sie kritisiert auch die Medien, die das falsche Bild einer Managerkrankheit zeichnen, die nur hart arbeitende, wichtige Männer treffe.

Spiel der Hormone

Das Bewusstsein der Ärzte und Rettungskräfte habe sich dank zahlreicher Fortbildungen geändert, sagt Jeanette Strametz-Juranek, in der Bevölkerung fehle es aber noch. Auch die Frauen selbst hätten noch nicht das notwendige Wissen über die Erkrankung.

Die Gefahr eines Herzinfarkts droht vor allem Frauen nach der Menopause. Ein wesentlicher Grund dafür ist die hormonelle Veränderung, die das System Frau grundlegend erschüttert. "Der Schutz durch Östrogene fällt weg", sagt die Kardiologin. Während der Östrogenspiegel sinkt, steigt der Anteil an Androgenen, männlichen Sexualhormonen. Die Insulinresistenz steigt, das Körpergewicht nimmt zu, auch die Stressempfindlichkeit. Ein weiteres Problem: Der weibliche Organismus verträgt Kochsalz immer schlechter. Zu viel Salz kann dann Bluthochdruck, einen wesentlichen Risikofaktor, auslösen. Verstärkt wird das Risiko durch das Rauchen.

Hauptrisikofaktor Diabetes

Gefragt nach den Risikofaktoren können Frauen zwar Übergewicht, mangelnde Bewegung, schlechte Ernährung benennen, verweist Strametz-Juranek auf die Pilotstudie ihrer Klinik, "dass Diabetes aber ein Hauptrisikofaktor ist, dass Übergewicht, Bewegungsmangel und Stoffwechselerkrankungen zusammenhängen, ist leider unbekannt."

Trotz vieler Kampagnen sei es bisher nicht gelungen, den Menschen den Zusammenhang zwischen Zuckerkrankheit und Infarktrisiko zu verdeutlichen. Strametz-Juranek: "Die Menschen können den Risikofaktor nicht richtig einschätzen, weil sie nicht wissen, dass Diabetes die Gefäße schädigt. Da müssen wir noch viel besser aufklären."

Laut Studie hatten 80 Prozent der Frauen ein mittelmäßiges Risiko, sechs Prozent wurde ein hohes Risiko zugeordnet. Nur 21 Prozent der befragten Frauen schätzten ihr Risiko richtig ein. Diese falsche Wahrnehmung verhindere die aktive Vorsorge. Weitere Hauptgründe, die Frauen an der Prävention hindern, sind: Zeitmangel und die Schwierigkeit, den Lebensstil zu ändern.

Gelebte Prävention

Als beste Vorsorge gilt Bewegung und gesunde Ernährung, der Verzicht auf Nikotin. Mit der Aktion Golden Heart, die wie die Pink-Ribbon-Bewegung zur Aufklärung über Krebs, aus den USA kommt, soll Bewusstsein für Herzgesundheit geschaffen werden. Initiiert wurde Golden Heart von Zonta, einem internationalen Klub berufstätiger Frauen. Zonta veranstaltet Vorträge, Symposien, Schulaktionen, Fitnessevents, finanziert Broschüren.

Über die Frauen soll das Thema Herzgesundheit in die Familien getragen werden, wünscht sich Zonta-Aktivistin Strametz-Juranek. Frauen sollte ihr "herzgesundes Leben" selbst in die Hand nehmen. Dazu gehörten auch regelmäßige Kontrollen der Herzgesundheit. Frauen sollten nicht nur bei beunruhigenden Symptomen zum Arzt gehen. Zur Vorbeugung gehöre einmal jährlich ein Check des Herz-Kreislauf-Systems. "Ich möchte mein Herz anschauen lassen", dieser Satz sollte Frauen in Zukunft ganz leicht über die Lippen gehen. (Jutta Berger, DER STANDARD, 7.10.2013)

WISSEN

Eine Frage des Lebensstils

Die häufigste Todesursache bei Frauen (48 Prozent) ist eine Herz-Kreislauf-Erkrankung. Bei Männern ist es Krebs. Die Risikofaktoren sind zwar bekannt, werden aber vom Großteil der Frauen nicht richtig eingeschätzt. Dabei sind sie für Frauen gefährlicher als für Männer. Besonders betroffen sind Frauen nach der Menopause.

So steigern allseits bekannte Krankmacher das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen:

Erhöhter Blutzucker (Diabetes mellitus Typ II): 6- bis 8-fach

Depression: 6- bis 8-fach

Rauchen: 5-fach

Stress (vor allem familiärer): 4- bis 6-fach

Bluthochdruck: 3,5- bis 4-fach

Übergewicht: 2,5-fach

Erhöhte Blutfette: 2,4-fach

Laut einer Studie der Medizinischen Universität Wien unterschätzen 60 Prozent der Frauen ihr Risiko. Dieser Umstand verhindert, dass sie rechtzeitig Vorsorge betreiben. Weitere Gründe, nicht vorzubeugen, sind laut Wiener Studie Zeitmangel und Schwierigkeiten, den Lebensstil zu ändern.

Die beste Vorsorge ist aber ein gesunder Lebensstil: sich täglich bewegen (20 bis 30 Minuten), nicht rauchen, fett- und salzarm essen, die Kohlenhydrate reduzieren und wenig Alkohol konsumieren.

Das internationale Frauennetzwerk Zonta will mit der Initiative Golden Heart Bewusstsein für Herzgesundheit schaffen und damit die Zahl der Menschen, die an Herz-Kreislauf-Erkrankungen sterben, senken. In den USA, wo das Netzwerk gegründet und die Informationsinitiative gestartet wurde, konnte das Bewusstsein der Frauen innerhalb von zehn Jahren von 36 auf 64 Prozent gesteigert werden.

Das Symposium "Das Herz der älteren Frau" findet am 30. November von 9 bis 15 Uhr im Karl-Kraus-Saal, Café Griensteidl, in Wien statt.

  • Im EKG lässt sich der Infarkt lokalisieren.
    foto: reuters/jessica rinaldi

    Im EKG lässt sich der Infarkt lokalisieren.

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