Wehe den Bürgern, wehe den Politikern

7. Oktober 2013, 07:19
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"Hexenjagd" in St. Pölten - "Die schmutzigen Hände" als Gastspiel am Burgtheater

Wien - Mädchen tanzen nackt im Wald, um sich im Liebeskummer an die Geister zu wenden. Das scheinbar schuldlose Spiel ruft die Teufelsbekämpfer (Kirche, Juristen) auf den Plan, die mit inquisitorischen Gerichtsprozessen, die alsbald anderen Interessen folgen, die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzen. Am Ende landet eine halbe Stadt am Galgen.

Arthur Millers Stück Hexenjagd, das am Freitag die Spielzeit am Landestheater Niederösterreich hochkonzentriert und spannungsgeladen eröffnet hat, zeichnet einen gravierenden gesellschaftlichen Zerfallsprozess nach. In dieser Welt hält - aus purer Angst - keiner mehr zum anderen. Freundschaften verpuffen im Nichts, Pastoren verleugnen ihre innersten Überzeugungen.

In Cilli Drexels Regie setzt sich der Zuschauerraum gespiegelt auf der Bühne (Christina Mrosek) fort, sodass das Publikum von rundherum auf den Gerichtsplatz in der Mitte blickt. Hier lässt die Regisseurin die Paranoia Szene für Szene wie ein Gebirge emporwachsen: Die verängstigten Mädchen suchen immer wieder nach Halt (Samira Hempel, Lisa Weidenmüller, Johanna Wolff, Katharina von Harsdorf), deren Anführerin Abigail Williams (Swintha Gersthofer) treibt gnadenlos ihr perfides Spiel; und alsbald wittern hier viele die Chance, alte Rechnungen zu begleichen.

Bauer Proctor (Markus Hering), Abigails unerhörter Angebeteter, aber bleibt sich treu. Im Wirrwarr der Verhältnisse hält er an der Vernunft fest, so lange, wie er kann. Seine Kraft speist sich aus der tiefen Verbundenheit zu seiner Frau (Alexandra Henkel), und beide bilden in ihrer ganz unpathetisch, aber herzzerreißend angedeuteten Liebe zueinander den zentralen Gegenpol zu dieser ins Wanken geratenden Gesellschaft.

Die Grundidee der Inszenierung bleibt die Einbeziehung des Zuschauerraumes in ein zeitloses Gerichtsdrama (das Original spielt 1692 in Massachusetts). Dieses hält dank seines konzentrierten und insbesondere von Henkel und Hering entspannt gewiegten Spiels über drei Stunden seine Dringlichkeit aufrecht. Ein mutiger Start in die zweite Saison von Intendantin Bettina Hering.

Anschauungsmaterial in Sachen politische Paranoia bot am Wochenende auch das Gastspiel Die schmutzigen Hände am Burgtheater. Das Deutsche Theater Berlin war mit Jean-Paul Sartres Thesenstück über einen jungen Kommunisten aus bourgeoisem Haus im Burgtheater zu Gast. Jette Steckels bravouröse Regie bot das Glanzstück einer heiter anzusehenden Polittragödie.

Der junge Hugo (Ole Lagerpusch) ordnet seinen politischen Idealen alles unter und steigt zum Beweis dafür bei seinen Genossen den gleich als Attentäter ein. Den hohen Parteifunktionär Hoederer gilt es umzubringen, da er mit den Falschen koaliert. Doch der überlegte Intellektuelle ist kein Mensch der Tat.

In den grauen rotierenden Parteizimmerwänden (Bühne: Florian Lösche) ist es schließlich die sich naiv gebende Ulknudel Jessica (Katharina Marie Schubert), seine Gattin, die das Spiel macht. Eine geniale Bankrotterklärung der revolutionären Politik. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 7.10.2013)

  • "Hexenjagd" am Landestheater Niederösterreich.
    foto: liebert

    "Hexenjagd" am Landestheater Niederösterreich.

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