Die Nazi-Massenmörder aus Mykene

6. Oktober 2013, 18:00
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Regisseur Antonio Latella übersetzt Jonathan Littells Nazi-Täterroman "Die Wohlgesinnten" im Wiener Schauspielhaus in einen mythologischen Höllenritt. Drei Schauspieler und ein Sänger leisten Großartiges

Wien - In Jonathan Littells Roman Die Wohlgesinnten (2006) wird die Vernichtung der europäischen Juden durch die Nazis zur Angelegenheit der Täter. SS-Offizier Maximilian Aue spricht die Leser bereits in der Einleitung des Buches als "Menschenbrüder" an. Wer der Geschichte folgen möchte, muss sich notgedrungen die Perspektive des Mörders zu eigen machen.

Aue gerät als Anhängsel der Tötungskommandos nach Osteuropa. Der kultivierte Mann ist der ungerührte Kronzeuge der Massenvernichtung. Er nimmt am Geschehen keinen inneren Anteil. Aue symbolisiert die kulturtragende Schicht des NS-Systems. Seine fehlende Empathie büßt der beredte Schöngeist anderweitig. Der Mythos sucht ihn heim. Im Wiener Schauspielhaus hat Antonio Latella Die Wohlgesinnten jetzt dramatisiert. Der Regisseur hat 1300 Buchseiten in den Zeitraum von dreieinhalb Aufführungsstunden eingeschlichtet. Ihm ist, im Verein mit Dramaturg Federico Bellini, ein Meisterwerk gelungen. Die Aufführung überzeugt, weil sie das Monströse, mithin Undarstellbare in ein mythisches Geschehen zurückübersetzt.

Drei Schauspieler bevölkern die kahle Bühne (Ausstattung: Ralf Hoedt/Moira Zoitl). Die Rückwand wird von einem Video dominiert. Der Film zeigt eine gespenstisch friedliche Parklandschaft. Fußgänger und Radfahrer verlieren sich im Unterholz, zwei Granitlöwen bewachen eine Brücke, ein Teich gluckst zufrieden. Die Vernunft schläft, die Natur ist wie der Garten Eden eingerichtet.

Aue (Thiemo Strutzenberger) wird von der NS-Kripo aus dem Dickicht herausgepflückt. Er muss Anzüglichkeiten des Untersuchungsbeamten (Steffen Höld) über sich ergehen lassen. Im Berliner Tiergarten treffen sich die Homosexuellen zum Stelldichein. Der sensible Klavierspieler Aue ist kompromittiert. Er muss sich von seinem Spießgesellen, dem Karrieristen Hauser (Höld), fortan am Gängelband quer durch die Ukraine und durch Russland ziehen lassen. Der Täter ist immer auch der Erpresste. Aber es geht in Latellas Versuchsanordnung nicht um die Entsühnung eines Verbrechers, sondern um die Erhellung seines Zwangscharakters.

Hell glühen Aues fieberkranke Augen. Ein schwerer Sänger mit zarter Kopfstimme (Maurizio Rippa) richtet einen Scheinwerfer ins Publikum. Der "Held" wird sich während der gesamten Aufführung kaum jemals von seinem Klavierhocker erheben. Das ganze Bühneninventar besteht aus Klavierhockern. Vorne liegt ein gekipptes Pianino wie ein gestrandeter Wal. Eine spärlich bekleidete Frau (Barbara Horvath) ruht auf dem Möbel aus wie nach überstandenem Todeskampf.

Die Textmassen des Littell-Romans werden im Laufschritt absolviert. Horvath, zu neuem Leben erweckt, gibt einen Muschik mit Pelzmütze. Die "deutschen Herrenmenschen" treten die Erde im Sitzen. Das Rotieren der Drehbühne vermittelt den Eindruck einer mythischen Uhr. Die Tage des Terrors zeigt der Zyniker Hauser (Höld) an, indem er sich angezündete Zigaretten zwischen die Fingerknöchel steckt. Die solcherart gebildete Faust reißt er sieghaft in die Höhe. Latellas Inszenierung erzeugt die Stimmung eines unentrinnbaren Albtraums.

Labyrinth des Bewusstseins

Die Hölle der Täter ist ihr eigenes Bewusstsein. Also bestreiten sie manche der Dialoge gleich ganz mit sich selbst (Strutzenberger). Sie fallen aus der Rolle, sie löschen die Feuersbrunst in ihren Seelen mit Unmengen von Sekt und Schnaps (Höld). Das Verdrängte aber verschwindet nicht spurlos. Es macht sich Luft. Maximilian Aue ist Orest. Sein Kumpan Hauser gibt einen nach Aas und Verderbnis riechenden Mephistoles; man könnte ihn aber genauso gut für Pylades halten.

Una (Horvath) ist in dieser Rekonstruktion der "unmöglichen" Familie die Elektra. Auer hat seine Mutter womöglich umgebracht. Doch eine Auflösung des Knotens gibt es nicht, nur das Staunen über eine verblüffende Produktion. Das Publikum dankte hellwach. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 7.10.2013)

  • Ungläubiges Staunen über die eigene Perfidie: Thiemo Strutzenberger (li.) und Steffen Höld als Nazi-Täter in "Die Wohlgesinnten".
    foto: schauspielhaus/alexi pelekanos

    Ungläubiges Staunen über die eigene Perfidie: Thiemo Strutzenberger (li.) und Steffen Höld als Nazi-Täter in "Die Wohlgesinnten".

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