Die neuen Abenteuer des Raumschiffs Enterprise

6. Oktober 2013, 11:14
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Das Wiener Architekturbüro The Next Enterprise dringt mit seinen Projekten immer wieder in neue Galaxien vor

"Raumschiff Enterprise war unsere absolute Lieblingsserie", sagt Marie-Therese Harnoncourt. "Jeder wollte wissen, wie man sich in einem Raumschiff fortbewegt und dabei in unbekannte Welten vordringt. Diese Expeditionslust und Sehnsucht nach Neuem hat bis heute Spuren hinterlassen." Gemeinsam mit ihrem Partner Ernst J. Fuchs betreibt Harnoncourt das Wiener Architekturbüro "The Next Enterprise". Das größte und wohl bekannteste Raumschiff der beiden Enfants terribles ist der sogenannte "Wolkenturm", eine wilde, expressionistische Freilichtbühne im Schlossparks Grafenegg.

"Architektur, die aus aneinandergereihten Schachteln besteht, ist uns zu wenig", so Harnoncourt. "Wir wollen Raum schaffen, in dem man nicht einfach nur passiver Konsument ist, sondern sich mit der Architektur aktiv auseinandersetzt." Da muss man sich auch schon mal weit vornüberbeugen, um eine Bierflasche aus der mit Wasser gefüllten Bar zu fischen ("Trinkbrunnen", 2003), und ein gewisser Hang zum ewig langen Im-Kreis-Gehen ist gewiss auch nicht von Nachteil ("Blindgänger", 2000).

Auflösung zwischen Architektur und Kunst

Das Spiel mit der Auflösung der Grenzen zwischen Architektur und Kunst ist eine Spezialität dieses Büros. Doch nicht immer stößt die eingeforderte Wechselbeziehung, die The Next Enterprise seinen Bauherren abverlangt, auf Gefallen. Das in jahrelanger Arbeit ertüftelte Warmbad Villach wurde kurzerhand ohne die Architekten realisiert. Und beim Wettbewerb für das neue Archäologische Zentrum in Mainz wurden die erstgereihten Enterpriser von der Bauherrschaft einfach übergangen. Harnoncourt: "Solche Ungerechtigkeiten gibt es in der Baubranche leider ab und zu, aber zum Glück steht das nicht auf der Tagesordnung."

Auf der Agenda für 2014 stehen ein Dachausbau in Wien und ein alles andere als schachtelförmiges Gebilde in Retz. Das expressive Einfamilienhaus für einen Hobby-Schnapsbrenner liegt am alten Stadtrand. Mitten durchs Grundstück verläuft die alte Stadtmauer. Zwischen Haus und Mauerwerk wird ein Garten umschlossen, der selbst schon eine Art Zimmer ist - mit Gras statt Parkett und Himmel statt Plafond.

Schwebendes Becken

"Architektur ist mehr als nur Innenraum, Architektur ist ein ganzheitlicher Spannungsraum zwischen künstlich geschaffener Umwelt und Natur", meint Harnoncourt. Im Seebad Kaltern in Südtirol kann man in diesem neu definierten Raumbegriff ein Bad nehmen: Das gesamte Freibecken scheint in der Luft zu schweben, durch Panzerglasscheiben im Beckenboden sehen die Schwimmenden auf die im Schatten Liegenden herunter, diese wiederum haben Ausblick auf die schwarzen Silhouetten, die sich schwerelos im blauen Nass räkeln. In der Abkehr von Schwerkraft und räumlicher Konventionalität zeigt sich die immerwährende Sehnsucht dieses Büros am besten. Oder, um mit den Worten von The Next Enterprise zu sprechen: "Architektur, das bedeutet, sich neue Räume im Kopf zu erschließen." (Wojciech Czaja, DER STANDARD, 21.9.2013)

Kurz & bündig

  • Ihr Büro in drei Worten? Atelier, Teamwork, Nährfeld.
  • Der beste Ort für Ideen? Unterwegs.
  • Bleistift oder Computer? Alles Mögliche, vor allem aber Arbeitsmodell.
  • Wie viel arbeiten Sie? Das ist witterungsabhängig.
  • Was würden Sie gerne bauen? Einen Lustgarten.
  • Ihr größter Erfolg? Begeisterte Benutzer und Flaneure, die über unsere Architektur spazieren.
  • Ihre größte Niederlage? Unverständnis.
  • Ihr Lieblingsurlaubsland? Das noch nicht bereiste.
  • Letzter Gedanke am Abend? Elfen und Feen.
  • Alternativjob zur Architektur? Vulkanologie.
  • Neue Räume im Kopf erschließen: Freilichtbühne Wolkenturm im Schlosspark Grafenegg.
    foto: lukas schaller

    Neue Räume im Kopf erschließen: Freilichtbühne Wolkenturm im Schlosspark Grafenegg.

  • Einfamilienhaus in Retz.
    visualisierung: architekten

    Einfamilienhaus in Retz.

  • Marie-Therese Harnoncourt und Ernst J. Fuchs.
    foto: helene waldner

    Marie-Therese Harnoncourt und Ernst J. Fuchs.

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