Hass auf Roma, Angst vor den Armen

Blog5. Oktober 2013, 19:49
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Verelendung in Ost-, zunehmende Verfolgung in Westeuropa: zur Lage der drangsalierten "Minderheit" anlässlich der Roma-Pride 2013

Die Roma-Pride, eine dieses Wochenende stattfindende Serie von Veranstaltungen in europäischen Städten, die um Respekt für die in Europa vielerorts drangsalierten Gruppe der Roma wirbt, ist ein guter Anlass, um über deren Lage nachzudenken. Koordiniert werden die Kundgebungen und Events von Egam, dem European Grassroots Antirassist Movement, das 2010 aus der antirassistischen Bewegung "SOS rassisme" heraus in Frankreich entstanden ist.

Auch in Wien gibt es eine Kundgebung, organisiert von der österreichischen Roma-Organisation Romano Centro: am Sonntag, den 6.10., von 14 bis 16 Uhr zwischen Burgtheater und Cafe Landtmann in der Wiener City.

Zufällig nur einen Tag später, am Montag, wird im Linzer Rathaus die Ausstellung Die Gedanken sind frei. Angst ist Alltag für die Roma in Europawiedereröffnet: ein Art Wiedergutmachungsversuch der dortigen Stadtregierung, denn die erste Schau im Linzer öffentlichen Raum wurde nach koordinierten Protesten ungarischer Nationalisten von der Polizei entfernt und zerstört.

Hilflose EU

Auch gegen die Ausstellungswiedereröffnung laufen rechtsextreme, nationalistische Magyaren Sturm, ebenso das offizielle Ungarn: dass eine Künstlerin die in ganz Europa grassierenden Vorurteile gegen Roma, die Übergriffe gegen die Gruppe, die gewichtige Rolle, die der Antiziganismus in der ungarischen Politik spielt, zum Thema macht, werten sie als Angriff auf die ungarische Nation: eine Sichtweise, die so weit vom europäischen Gemeinsamkeitsgedanken entfernt ist wie die EU von wirksamen Mitteln, gegen derlei rechtslastige nationale Sezessionen vorzugehen.

Und die magyarischen Proteste zeigen, wie eng für die Protestierenden die Freiheit der Kunst gefasst ist. Dass diese für sie endet, sobald mit künstlerischen Mitteln unangenehme Fragen gestellt werden: ein Erkennungsmerkmal totalitären Denkens. Man erinnere sich in Österreich in diesem Zusammenhang an die FPÖ-Plakatkampagne im Jahr 2005 mit dem Slogan: "Lieben Sie Scholten, Jelinek, Häupl, Peymann, Pasterk oder Kunst und Kultur?", die Künstlerinnen und Künstler diffamierte (und sie als "Staatskünstler" verunglimpfte).

Unangenehme Frage stellt Schmiedts Plakatkunst zuhauf. Ihr Einsatz künstlerischer Mittel ist provokativ. So prangt auf einem Sujet auf dem Etikett einer Stange Salami, neben dem Emblem der rechtsextremen Partei Jobbik, ein Bild des ungarischen Premierministers und Fidesz-Vorsitzenden Viktor Orbán. Daneben ist als Schriftzug: "Roma-Salami, gekocht" zu lesen.  Die Provokationen, sagt Schmiedt, seien ihrem Zorn geschuldet: Zorn über die schier ausweglose Armuts- und Verfolgungsspirale, denen die Roma in Europa seit mehr als zwei Jahrzehnten ausgeliefert sind.

Roma-Ausschluss einzementiert

Tatsächlich hat es die EU bisher nicht geschafft, die Probleme der Roma in den Griff zu bekommen. Im Gegenteil, in Zeiten der Banken-, Schulden- und Wirtschaftskrise, der dadurch bedingten Verarmung breiter Bevölkerungsschichten in den zentralen Krisenländern und der Angst der Menschen vor sozialem Abstieg in den anderen, feiern die jahrhundertealten, in der europäischen Vorstellungswelt tief verankerten Vorurteile gegen "Zigeuner" Urstände: Faschisten und andere Rechte machen sich das zunutze, sogar im romapolitisch im Vergleich friedlichen Österreich. Hier kam es zuletzt in Bischofshofen zu Übergriffen. Der Ausschluss der Roma hat sich einzementiert.

Auch die von der EU-Kommission gestarteten, 2011 unionsweit implementierten "Nationalen Strategien für die Inklusion der Roma" hatten bislang keine wirklichen Verbesserungen für die Gruppe zur Folge. Detto würden nur wenige der finanziell von Europa gar nicht so schlecht ausgestatteten Projekte zur Inklusion der Roma in Osteuropa greifen, schreibt der Autor und Balkan-Korrespondent Norbert Mappes-Niediek in seinem empfehlenswerten Buch "Arme Roma, böse Zigeuner – was an den Vorurteilen über die Zuwanderer stimmt".

Warum dies? Bei der Beantwortung dieser Frage hält sich Mappes-Niediek nicht mit den in Onlineforen und anderen Diskussionen so verbreiteten diskriminierenden Mutmaßungen über den "Volkscharakter" der Roma auf, über deren anerzogenes "asoziales Verhalten" oder gar über deren angeblich mindere Intelligenz: alles Meinungen, die dieser Tage leider auch von so genannten Experten vertreten werden.

Mappes-Niediks Befund

Nein, Mappes-Niedik, der seit Jahrzehnten aus Osteuropa berichterstattet, wirft einen Kennerblick auf die osteuropäischen Gesellschaften und ihren Umgang mit Roma. Das Roma-Problem sei ein Armutsproblem schreibt Mappes-Niediek. In Staaten wie Rumänien (das Foto einer Romasiedlung zu diesem Blog stammt von dort) sei die Beschäftigungsrate seit den samtenen Revolutionen um 1990 um die Hälfte zurückgegangen, wobei der Schwund bei den minderqualifizierten Jobs, die vor 1989 sehr oft Roma innehatten, noch größer sei.

Somit seien die Roma die absoluten Verlierer der politischen Veränderungen – und Europa, das, wie es scheint, keinen Ausweg aus der Jobkrise weiß, könne ihnen nicht helfen. Die verarmten Roma versuchten ihr Glück in Westeuropa, wo sie zunehmend auf Ablehnung stoßen. Und die EU? "Statt die Armut zu bekämpfen, betreiben die EU und die europäischen Staaten für die Roma Minderheitenpolitik", schreibt Mappes-Niediek: ein Befund, der zu denken gibt. (Irene, Brickner, derStandard.at, 5.10.2013)

  • Ein Bub in einer rumänischen Roma-Siedlung. Die EU bekommt die Probleme der Volksgruppe nach wie vor nicht in den Griff.
    foto: epa/zsolt czegledi

    Ein Bub in einer rumänischen Roma-Siedlung. Die EU bekommt die Probleme der Volksgruppe nach wie vor nicht in den Griff.

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