Gute Lektüre hilft beim "Gedankenlesen"

4. Oktober 2013, 18:00
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Ein Experiment von US-Forschern führt zum Schluss: Um die Gefühle unserer Mitmenschen besser zu verstehen, greife man zu Klassikern

New York / Wien - Das Erscheinungsdatum der Publikation ist gut gewählt: In den nächsten Tagen öffnet nicht nur die weltgrößte Buchmesse in Frankfurt am Main. Auch der Literaturnobelpreisträger des Jahres 2013 wird wohl nächste Woche bekannt gegeben. Und schon jetzt behauptet eine neue wissenschaftliche Studie im Fachmagazin "Science", dass die Lektüre anspruchsvoller Literatur unsere Fähigkeiten verbessert, die Gedanken, Gefühle und Motivationen unserer Mitmenschen besser zu verstehen.

Wahrscheinlich ist es auch kein Zufall, dass David Kidd, der Erstautor der neuen Untersuchung, über das Studium der russischen Literatur zur Sozialpsychologie kam - und nun an der New School of Social Research in New York seine Dissertation schreibt.

Gemeinsam mit seinem Betreuer Emanuele Castano stellte er ein komplexes Leseexperiment an. Die beiden ließen Probanden zehn bis 15 Seiten aus unterschiedlichen Textsorten lesen: anspruchsvolle literarische Texte, darunter Tschechow und Don DeLillo, vergleichsweise einfach Bestseller, aber auch reine Sachtexte wie Auszüge aus dem Smithsonian Magazine - wobei die Zuordnung nicht immer ganz einfach war, wie die Autoren eingestehen.

Unmittelbar nach der Lektüre mussten die Testpersonen einige sogenannte "Theory of Mind"-Experimente machen: Dafür wurden ihnen zwei Sekunden lang Bilder von Augenpaaren gezeigt, denen die Probanden Gefühle zuordnen sollten. Wie die beiden Psychologen schreiben, schnitten jene Personen bei diesen Tests am besten ab, die zuvor anspruchsvolle Belletristik gelesen hatten. Der Vorsprung zu den Lesern der übrigen Textgattungen fiel indes recht gering aus: Er betrug gerade einmal zwei von 36 Augenpaarentests.

Die Autoren halten dennoch daran fest, dass Leser anspruchsvoller Belletristik versteckte Bedeutungen suchen müssen und unterschiedliche Perspektiven einnehmen müssen - was auch beim Verstehen der Welt helfe. (tasch, DER STANDARD, 5.10.2013)

  • Lesen bildet nicht nur. Es könnte uns auch erleichtern, die Menschen um uns besser zu verstehen. Besonders geeignet ist anspruchsvolle Belletristik.
    foto: m. cremer

    Lesen bildet nicht nur. Es könnte uns auch erleichtern, die Menschen um uns besser zu verstehen. Besonders geeignet ist anspruchsvolle Belletristik.

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