Yamaha MT 09: Drei Zylinder ohne Erbarmen

7. Oktober 2013, 17:12
56 Postings

Die Japaner brechen zu neuen Ufern auf und verbauen nicht nur in Snowmobile und Außenborder, sondern nun auch in Zweiräder einen Dreizylindermotor

Ich bin ja für gewöhnlich nicht so und halte es wie Josef Hader, wenn ich mich nicht irre, der da sagte: "Ich mag ja Menschen, nur die Leut halte ich nicht aus." Und deswegen bleib ich stehen. Ein Auto hat gehupt. Vermutlich ein Motorrad affiner Mensch, der gleich erkannt hat, worauf ich da durch die Gegend reite. Denn die Yamaha MT 09 gibt es eigentlich noch gar nicht. Sie wird erst im November auf der EICMA in Mailand vorgestellt. Und jetzt wuselt sie zwischen den sich stauenden Autos durch. Da tat ich auch hupen und nachfragen.

Keine zwei Meter links vor dem Fahrzeug stehe ich also und warte, bis der Wagen aufschließt. Der zögert, entschließt sich dann aber doch, das Alzerl nach vorne zu rollen und blafft aus dem geöffneten Fenster: "Foahrst jetzt dürben oder do?"

Married with children

Er meint sichtlich die Besonderheit von Motorradfahrern, sich im Stau nicht wie im Supermarkt hinten anzustellen, bis eine alte Frau „zweite Kassa aufsperren" brüllt, sondern einfach zwischen den Kolonnen durchzufahren. Ein prüfender Blick, ein kurzer Moment der inneren Einkehr legt nahe: Diskussion sinnlos. Der Fahrer hat die besten Jahre hinter sich, er wirkt aufgeschwemmt und müde, der Kindersitz in der zweiten Reihe ist sicher schon so alt wie der Kombi, im dem sich beide befinden und wirkt, als würde er noch benutzt. Ob da inzwischen das dritte oder vierte Kind drinnen sitzt, ist egal. Klar ist, der Mann hat anscheinend nicht viel zu lachen.

Vermutlich tat er gern tauschen. Dabei hab ich auch nicht viel zu lachen. Nur das kann der gute Mann nicht wissen, dass ich auf diesem Bock vorwiegend fluche. Gleich in der ersten Kurve hätte ich um ein Haar die Zähnt ausgspuckt. Ich hab mir beim Aufsteigen noch gedacht, dass der Reifen schon sehr schön aussieht und vermutlich grad erst aufgezogen wurde. Im ersten Abbieger wusste ich, dass ich recht habe.

Drehmoment satt

Inzwischen sind ein paar Kilometer ins Land gezogen, und der Reifen ist angefahren. Die Kombination aus viel zu kalter Temperatur, viel zu viel Drehmoment und einer ehrgeizigen Gashand passt aber nicht zu meinem Nervenkostüm. Aber es macht halt schon so viel Spaß, wenn der neue Dreizylinder beim kleinsten Dreh am Gasgriff sein Drehmoment von fast 90 Newtonmeter ausspuckt. Nicht weniger haben wir erwartet, als Yamaha die MT 09 ankündigte.

Der Dreizack ist die perfekte Kombination aus Drehmoment und Leistung. Unten heraus dreht er kräftig nach oben, und bei 10.000 Touren gesellen sich dann die 115 PS dazu. Dabei ist der Drive-by-wire-Gashenkel so straff eingestellt, dass man sich mit der Rechten nimmer verrenken muss, wenn man voll einschenken will. Das ist schon fast so wie bei Ducati, wo du aufpassen musst, dass es dich nicht hinten vom Bock reißt, wenn du ungfähr niesen musst.

Drei Fahrmodi

Kurz probiere ich den B-Modus aus – die MT 09 hat drei Fahrmodi zum Auswählen – , der für nasse Straßen gedacht ist – aber nein. Der Standard-Modus passt schon. Im Modus A geht es noch strenger zur Sache. Eigentlich die richtige Wahl – aber ich habe es heute nicht eilig, und kalt ist es immer noch.

Da nutzt auch die nach vorne ausgerichtete Sitzposition nichts. Der Motor mag zwar mein Herz erwärmen, seine Abwärme aber nicht meinen Körper. Die Pratzen kannst auch nicht an den Auspuff halten, weil der unterm Motorrad angebracht ist und nur mit einem kurzen Stummel neben der unglaublich schönen Schwinge nach außen führt.

Breitgefächerte Konkurrenz

Hirnlose Brüllerei veranstaltet er übrigens keine. Er lässt den 847 Kubikzentimeter großen Dreier, der nicht so rau herumreibt, wie das etwa der triumphale macht, einfach klingen. Darum schließt die MT 09 aber auch nicht die Lücke zwischen V2 und R4-Motoren, sondern konkurriert sogar mit ihnen. Und auch Triumph wird keine rechte Freud mit dem dreibeinigen Japaner haben.

Obwohl, an der Street Triple schießt die MT 09 in hohem Bogen vorbei. Sie hat nichts von der Mittelklasse der Street, sie ist brachialer, kompromissloser. Allein das Fahrwerk ist so hart, dass sich daran die Geister scheiden werden. Wer nicht auf Angriff fährt, wird umbauen müssen.

Nur das Messer zwischen den Zähnen schützt davor, dass es einem die Plomben nicht rausreißt. Nur die Erbarmungslosesten der bösen Jungs werden also die hellste Freude am direkten Feedback haben. Nix gemütliche Wochenendtour, sondern spät bremsen, früh ans Gas und gemmagemmagemma! Aber ich bin ja für gewöhnlich nicht so. (Guido Gluschitsch, derStandard.at, 7.10.2013)

Link:
Yamaha

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Teilnahme an internationalen Fahrzeug- und Technikpräsentationen erfolgt großteils auf Basis von Einladungen seitens der Automobilimporteure oder Hersteller. Diese stellen auch die hier zur Besprechung kommenden Testfahrzeuge zur Verfügung.

  • Der Dreizylinder ist Yamaha gut gelungen. Er läuft runder als bei der Konkurrenz.
    foto: yamaha

    Der Dreizylinder ist Yamaha gut gelungen. Er läuft runder als bei der Konkurrenz.

  • Auf den ersten Blick naja, die Heckleucht, in der Nacht aber ganz schön böse.
    foto: guido gluschitsch

    Auf den ersten Blick naja, die Heckleucht, in der Nacht aber ganz schön böse.

  • Die MT 09 ist kein Motorrad zum Cruisen. Sie mag eine strenge Hand am Gasgriff.
    foto: yamaha

    Die MT 09 ist kein Motorrad zum Cruisen. Sie mag eine strenge Hand am Gasgriff.

  • Herrlich, die Schwinge und das extrem kurze Heck.
    foto: guido gluschitsch

    Herrlich, die Schwinge und das extrem kurze Heck.

  • Weit unten, für einen tieferen Massenschwerpunkt, sitzt der 3-in-1-Auspuff.
    foto: guido gluschitsch

    Weit unten, für einen tieferen Massenschwerpunkt, sitzt der 3-in-1-Auspuff.

  • Ungewöhnlich: das asymetrisch montierte Mäusekino
    foto: guido gluschitsch

    Ungewöhnlich: das asymetrisch montierte Mäusekino

Share if you care.