Andreas Vitásek: "Ich will der Zeit entgegenwirken"

4. Oktober 2013, 18:22
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Müßiggang als Gegenentwurf: Der Kabarettist über sein Programm "Sekundenschlaf", das am Dienstag im Rabenhof Premiere hat

STANDARD: Was ist das Alleinstellungsmerkmal von Andreas Vitásek, abgesehen vom Geschichtenerzählen? Die Tod-Puppe?

Andreas Vitásek: Früher vielleicht, aber jetzt nicht mehr. Sie hat sich im letzten Programm verabschiedet, ist sozusagen gestorben. Ich glaube, ich habe nichts mehr zu sagen mit dieser Puppe. Zum Tod natürlich schon, er ist ja das Thema Nummer eins. Aber, wenn ich so nachdenke: Die Tod-Puppe bleibt doch irgendwie vorhanden. Weil die letzte Nummer des neuen Programms wieder ein Dialog ist - allerdings mit einem Engel. Er ist vielleicht so etwas wie eine Reminiszenz an die Tod-Puppe.

STANDARD: Denken Sie eigentlich viel an den Tod?

Vitásek: Nicht dauernd, aber der Tod ist halt die Erfahrung, die wir alle machen werden. Das verbindet uns. Und, wie Thomas Bernhard sagte: Im Angesicht des Todes ist alles andere lächerlich. Ich finde es bemerkenswert, wie wir es schaffen, unsere kleinen Probleme zu haben - obwohl wir wissen, dass alles temporär und im Endeffekt irrelevant ist. Es ist völlig egal, wie viel Geld man gehabt hat, ob man berühmt war oder nicht: Am Ende liegt man unter der Erde, so wie Vivaldi, der am Karlsplatz verscharrt wurde. Er hatte erfolglos versucht, in Wien Fuß zu fassen. Wien ist eine gute Stadt zum Scheitern - und zum Sterben. Es stimmt schon, was Georg Kreisler gesagt hat: Der Tod, das muss ein Wiener sein. Aber man sollte nicht damit zu sehr kokettieren. Das war wohl auch ein Grund, warum ich die Tod-Puppe nun weglasse. Ich will nicht als derjenige in Erinnerung bleiben, der mit dem Tod spielt.

STANDARD: Sie lieben aber traurige Titel wie "Kurzzugende"?

Vitásek: Ja, schon. Es ist das Wort "Ende" drin, "kurz" ist das Leben, und mit "Zug" schwingt Abschied mit. Daran ist sicher meine slawische Melancholie schuld. Ich möchte diesen Grundton auch gar nicht verleugnen. Nur in die Suderei will ich nicht verfallen. Ich bin ja trotzdem jemand, der es gern lustig hat, solange die Lustigkeit nicht aufgesetzt ist. Die gezwungene Heiterkeit war mir immer zuwider, auch bei anderen. Eigentlich mag ich es lieber, wenn jemand leicht depressiv ist. Das entspricht der Welt viel mehr. Meiner zumindest.

STANDARD: Daher auch der Titel "Sekundenschlaf"?

Vitásek: Das stimmt. Man verbindet mit dem Wort zuerst etwas Negatives. Er kann aber auch sehr positiv sein: Man ist eine Sekunde weg - und das erschreckt einen so, dass man dann wirklich hellwach ist. Wie schon davor bei 39,2° - Ein Fiebermonolog hat mich beim Schreiben aber eher diese Phase zwischen Traum und Wirklichkeit interessiert. Dieser Raum lässt mehr Platz für Fantasie und freie Assoziationen als die pure Realität.

STANDARD: Passt dann der Titel?

Vitásek: Ich habe fast immer einen Untertitel, beim vorigen Programm hieß er Die Dinge des Lebens - nach dem Film von Claude Sautet, weil auch er mit einem Autounfall beginnt. Und bei diesem Programm dachte ich zuerst an "Interessante Zeiten". Denn es gibt den chinesischen Fluch: "Mögest du in interessanten Zeiten leben!" Man fragt sich: Warum ist das ein Fluch? Aber wenn man draufkommt, dass heute alles so schnell geht, dann kann eine interessante Zeit schon auch etwas Negatives sein. Doch dann kam mir der Titel zu wenig spektakulär vor. Sekundenschlaf fiel mir bei einer Festwochenaufführung ein, in der ich wegdöste - und an mein Programm dachte. Dem Regisseur sei Dank!

STANDARD: Engel statt Tod: Versuchen Sie sich neu zu erfinden?

Vitásek: Das geht ja nicht mehr. Dafür gibt's mich zu lang. Es ergeben sich nur neue Facetten - allein schon dadurch, dass ich älter werde. Das Älterwerden hat zwar einen schlechten Ruf, aber man kann daran auch positive Seiten finden - wenn auch nicht viele.

STANDARD: Sie bauen auf kollektive Erfahrungen. Eines Ihrer Programme hieß daher "My Generation".

Vitásek: Ja, ich spreche zwar prinzipiell von mir - hoffe aber, dass ich dermaßen durchschnittlich bin, dass meine Erfahrungen von vielen anderen geteilt werden. Und gewisse Themen wie Tod, Krankheit und Liebe sind ja nicht altersbedingt. Man kann jung sterben, man kann sich auch im Alter verlieben. Wenn ich allerdings über die Zeit und das Gefühl, das alles immer schneller wird, spreche, spreche ich wohl vor allem meine Generation an. Die Zeit wird so schnell, dass man Mühe hat nachzukommen. Zum Beispiel bei den technischen Verbesserungen, nein, eher Veränderungen: Kaum hat man das iPhone 4 begriffen, kommt schon das 5er heraus. Und nun das 5S. Da stellt sich die Frage: Spielt man noch mit? Lässt man sich hetzen? Oder bremst man ein bisschen? Auch das Bremsen ist eine Anstrengung. Ich sehe mein Programm als ein Bremsmanöver. Ich will der Zeit entgegenwirken, daher auch der Engel. Auf dem Plakat sieht man mich als Parodie auf die Engel von Raffael. Sie waren ein Affront. Davor waren Engel immer damit beschäftigt, Wolken zu schieben oder Instrumente zu spielen. Raffael aber malte Engel, die nichts zu tun haben, nur in die Luft schauen. Sie sind auch heute ein gutes Statement für den Müßiggang.

STANDARD: Vergehen auch die Jahre schneller?

Vitásek: Schon. Ich bin immer wieder verwundert: Gefühlsmäßig war ich zuletzt vor einem Jahr in Paris, in Wirklichkeit aber vor fünf Jahren. Es gibt den Sanduhreffekt: Am Anfang merkt man gar nicht, wie die Zeit vergeht, aber gegen Ende hin sieht man richtig, wie schnell die Körner nach unten rinnen. Je älter man wird, desto schneller vergeht die Zeit.

STANDARD: Daher versucht man, möglichst viel in die noch verbleibende Zeit hineinzupacken?

Vitásek: Genau. Aber das ist ein Fehler! Als Konsequenz aus der Midlife-Krise sagt man sich: Weil ich nicht weiß, wer ich bin, mach ich so viel wie möglich. Man flüchtet in Hyperaktivität, man zerspragelt sich, macht nichts mehr gut und nichts mehr richtig. Man will alles doppelt haben: zwei Autos, zwei Wohnungen - und womöglich auch zwei Frauen. Das bringt nichts. Es ist gut, sich auf eins zu konzentrieren.

STANDARD: Sie haben drei Kinder - von drei Frauen.

Vitásek: Das stimmt. Aber ich habe nicht drei Frauen gleichzeitig, sondern nur eine. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 5.10.2013)

Andreas Vitásek (57) ist Kabarettist, Schauspieler und Regisseur.

  • Andreas Vitásek: sinniert über moderne Zeiten und die Engel von Raffael, die nichts zu tun haben, außer in die Luft zu schauen: "Sie sind auch heute ein gutes Statement für den Müßiggang."
    foto: udo leitner

    Andreas Vitásek: sinniert über moderne Zeiten und die Engel von Raffael, die nichts zu tun haben, außer in die Luft zu schauen: "Sie sind auch heute ein gutes Statement für den Müßiggang."

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