Alles ist möglich, nix ist fix

Gastkommentar7. Oktober 2013, 09:55
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Welt und Wirtschaft sind komplex und volatil wie nie, das bringt mächtigere Konsumenten und das Ende der Gewissheiten. Warum Manager dem am besten mit Demut und neuem Denken begegnen

Vor kurzem erschien der "Economist" mit einem bemerkenswerten Cover. Das Titelbild zu "The march of protest", spannt den Bogen von den Revolutionen des 19. Jahrhunderts bis zu den heutigen Aufständen zwischen Kairo und Rio: Es zeigt Frankreichs Nationalheldin Marianne stellvertretend für 1848, daneben eine junge Frau stellvertretend für 2013. Während Marianne Tricolore und Gewehr trägt, sind die Symbole heute ein Coffee-to-go-Becher und ein gen Himmel gestrecktes Smartphone. Der Paradigmenwechsel in Wirtschaft und Gesellschaft, hintergründig-witzig illustriert.

Bewegungen wie Occupy richten sich gegen die Finanzwirtschaft, eine breite Protestwelle gegen die Arbeitsbedingungen in Deutschland versetzte Amazon im deutschsprachigen Markt einen veritablen Dämpfer. Apples Image wurde durch Suizide bei einem chinesischen Zulieferer massiv belastet. In der Gemengelage, die Digitalisierung und Globalisierung schaffen, kann kein Unternehmen mehr ein "closed shop" sein.

Der Grat zwischen Höhenflug und Fall ist schmal wie nie. Auch weil Innovationszyklen immer rasanter werden. 2008 war Blackberry dominierend am Markt für Smartphones, mit stolzen 84 Mrd. Dollar Börsenwert. Dann eroberte der Touchscreen nicht nur die Massenmärkte, sondern auch die bisherige Blackberry-Festung der Geschäftskunden. Heute ist das Unternehmen fünf Mrd. Dollar wert - 94 Prozent Wertverfall in fünf Jahren, auch das ist neue Komplexität und Volatilität.

Seit der Finanzkrise gelten große Konzerne als die wahren Mächtigen. Forscher der ETH Zürich haben die Netzwerke von über 43.000 internationalen Unternehmen untersucht: 127 Konzerne beherrschen die Weltwirtschaft. Unter den Top 25 finden sich fast ausschließlich Unternehmen der Finanzindustrie. Aber wie mächtig ist einer der 127? Sehen sich die Bosse von Barclays (das britische Bankhaus führt die Liste an) als die Herrscher der Welt? Aus gutem Grund nicht.

Studien zeigen, dass die Verweildauer der Spitzenmanager immer kürzer wird. Die Zeit, die einem CEO im internationalen Durchschnitt bleibt, liegt bei nur mehr fünf Jahren. Einfluss ist leichter zu erlangen, ihn nachhaltig auszuüben wird aber immer schwieriger.

Unberechenbarkeit und Volatilität prägen unsere Wirtschaft heute mehr denn je. Als Führungskraft kann man dem nur mit Demut begegnen und sich darauf konzentrieren, die Richtung des Denkens vorzugeben.

Mehr "Listen and Lead", weniger "Command and Control" ist empfohlen, vor dem allwissenden Konzernlenker hat uns schon Peter Drucker gewarnt, als er sagte: "Man behüte uns vor dem genialen Manager" und "Wir verwenden 'Guru' nur, weil 'Scharlatan' nicht in eine Headline passt."

Unternehmen sind gut aufgestellt mit einem Fundament aus Werten und Prinzipien, Entscheidungen auf Basis gemeinsamer Haltungen und einer Strategie, die wehrhaft macht im Krisenfall. Denn es gilt (nicht von Drucker, aber richtig): Alles ist möglich. Aber nix ist fix. (Christian Kern, DER STANDARD, 5.10.2013)

Christian Kern ist Vorstand der Österreichischen Bundesbahnen ÖBB. "Managing Complexity" ist das zentrale Thema des Global Peter Drucker Forum, das in Wien von 14. bis 15. November stattfindet.

Link:

www.druckerforum.org 

  • Christian Kern, Vorstand der Österreichischen Bundesbahnen ÖBB.
    foto: öbb

    Christian Kern, Vorstand der Österreichischen Bundesbahnen ÖBB.

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