133 Würmer und ein Popanz

4. Oktober 2013, 18:32
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Ob bei Auktionen oder Messen, in London oder Wien: Zeitgenössische Kunst verführt zu Kauf und Zahlenspielen

Der Markt für zeitgenössische Kunst, auf internationaler Ebene unter der Bezeichnung Post-War & Contemporary geläufig, verzeichnete in den vergangenen zehn Jahren ein schnelleres Wachstum als jede andere Sparte. Die in der Tefaf-Studie (März 2013) veröffentlichten Daten sind dementsprechend eindrucksvoll: Allein von 2003 bis 2007 belief sich die Steigerung auf imposante 480 Prozent nach Wert sowie 150 Prozent nach Volumen und von 593 weltweit umgesetzten Millionen auf 3,48 Milliarden Euro. Zwischendurch ging es sprunghaft abwärts (2009: 1,42 Mrd. Euro), um sich 2012 mit 4,46 Milliarden Euro auf Rekordhöhe einzupendeln.

Die dominierende Marktmacht sind dabei die USA, die mit einem Transaktionsvolumen von gut 19 Prozent für knapp 41 Prozent des weltweiten Umsatzes verantwortlich zeichnen. Der Umsatzanteil der gesamten EU liegt hingegen bei 27 Prozent (41 Prozent Volumen), mit Großbritannien und einem Umsatzanteil von 18,4 Prozent an der Spitze und Österreich mit 0,5 Prozent oder 22,34 Millionen Euro am untersten Ende des Rankings. Interessantes Detail am Rande: Die in dieser Studie ermittelten Durchschnittspreise spiegeln sich nicht zwangsläufig auch in den Marktanteilen. Demnach liegt Großbritannien mit einem Mittelwert von 84.692 Euro an der Spitze (USA: 70.706 Euro) und ist beispielsweise auch das durchschnittliche Preisniveau in Österreich (9968 Euro) deutlich höher als etwa in Deutschland (6846 Euro).

Statistische Zahlenspielereien? Ja, keine Frage. Und doch sind Kunstkäufe in dieser Preisklasse - also gerundet auf 10.000 (in Österreich) bzw. 85.000 Euro (in Großbritannien) - eher die Norm als die Ausnahme: ob bei der in London anberaumten Frieze-Messe (17.-20. 10.), den zeitgleich ebendort etwa bei Christie's oder Sotheby's stattfindenden Auktionen (ab 17. 10.), ob im Zuge der Viennafair (10.- 13. 10.) oder der im Palais Kinsky (8. 10.) aufmarschierenden heimischen Entourage.

Die Kinsky-Bandbreite reicht von 350 (bis 500) Euro für Karl Korabs Farblithografie Popanz (1971) bis zu 75.000 (bis 150.000) Euro, die man für Arnulf Rainers Konstruktion TRR (1952) bereithalten sollte. Die mit exakt 316 Positionen bestückte und zeitlich vor dem Wienmesse-Happening angesetzte Aufwärmrunde soll entsprechend der Schätzwertsumme um die vier Millionen Euro einspielen. Das entspricht, orientiert an Erwin Wurms ebenfalls offerierter Skulptur Stiller Morgen II von 1986 (30.000- 60.000), zumindest 133 Würmern.

Gemessen an den im Vorfeld verlautbarten monetären Erwartungen spielen die Auktionshäuser in London freilich in einer anderen Liga, darauf verweisen schon die zum Halbjahr veröffentlichten Spartenumsätze mit 1,02 Milliarden (Christie's) und 757 Millionen (Sotheby's) Dollar. Aktuell schickt Christie's sich an, nach vier Sitzungen (17.-19. 10.) zwischen 44 und 63 Millionen Pfund (52,4-75 Mio. Euro) in die Bücher zu notieren. Bei Sotheby's hofft man in drei Auktionen (17.-18. 10.) zwischen 36 und 51 Millionen Pfund (43,6-61,5 Mio. Euro) zu erwirtschaften. (kron, Album, DER STANDARD, 5./6.10.2013)

  • Erwin Wurm: "Stiller Morgen II" von 1986 (30.000-60.000 Euro).
    foto: kinsky

    Erwin Wurm: "Stiller Morgen II" von 1986 (30.000-60.000 Euro).

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