Vom Wert einer Sternstunde

4. Oktober 2013, 18:29
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Im Juli restituierte das Belvedere zwei Gemälde an die Erben nach Blauhorn und deponierte Interesse an einem Ankauf. Nun schmücken sie die Sammlung des Fürsten Liechtenstein

Manches, insgesamt eher eine Minderheit, fischt sich Johann Kräftner aus dem öffentlichen Auktionsangebot. Zuletzt etwa Ferdinand Georg Waldmüllers Sizilianisches Capriccio von 1849, für das er mangels ernstlicher Bieterkonkurrenz Christie's London im Mai "nur" knapp 257.000 Euro bewilligen musste. Anderes, genau genommen das meiste, wird dem Kurator der fürstlichen Sammlungen Liechtenstein diskret vermittelt.

Und in diese Kategorie fallen zwei Neuzugänge, die, so Kräftner, richtungweisend punkto Licht ("als Bildträger") seien, "das dann im Impressionismus die tragende Rolle spielen sollte": Ludwig Ferdinand Schnorr von Carolsfelds Mondlandschaft mit dem Tal von Chamonix und dem Montblanc (1848) einerseits und Leopold Kupelwiesers Zug der Heiligen Drei Könige (1825) andererseits. Bei Letzterem führt der Strahlenkranz der Geburtskirche (links) "in einzigartiger Weise zu dem Licht dieser Welt, das hier geboren" wurde. Eine "unglaubliche Licht-Erfindung", attestiert Kräftner, die für die Malerei genauso wichtig wie Waldmüllers "Lichttempel" seien, den Studien zu den sizilianischen Tempeln, womit sich wiederum der Kreis zu eingangs erwähntem Auktionsschnäppchen schließt.

Wie viel dem Fürsten die beiden kunsthistorischen Wegweiser und jüngsten Ankäufe wert waren, darüber hüllt sich Johann Kräftner in geheimnisvolles Schweigen. Selbst ein Blick in einschlägige Kunstpreisdatenbanken nützt wenig, da dort nur Auktionsware gelistet wird und von keinem der beiden Künstler je vergleichbare Qualität versteigert wurde.

Die jeweiligen Künstlerrekorde sind deshalb genau genommen keine Richtwerte: Bei Carolsfeld liegt dieser bei 98.820 Euro, die Ketterer (München) für Heimkehr des verlorenen Sohnes (1838) erzielte, ein Gemälde, das 2007 im Dorotheum (80.000-100.000) unverkauft geblieben war. Bei Kupelwieser notierte das Dorotheum wiederum 2011 für Die schöne Schäferin (1843) bei 34.460 Euro den vorläufigen Höchstwert.

Wie gesagt, punkto Meisterschaft liegen diese "Rekordhalter" jedoch Lichtjahre von den Liechtenstein'schen Neuzugängen entfernt. Roman Herzig, auf diese Epoche spezialisierter Kunsthändler internationalen Formats (Wien/Zürich) und Tefaf-Stammaussteller, schätzt den Wert der Gemälde um ein Vielfaches höher: Bei Kupelwieser handelt es sich, gemessen am Rest des OEuvres, um eine Sternstunde, ein sehr wichtiges Gemälde, für das jedoch nur ein paar Museen und eine Handvoll Sammler weltweit als potenzielle Käufer infrage kämen. 600.000 Euro, so seine Einschätzung, wäre da ein entsprechender Liebhaberwert, der für Carolsfeld läge in etwa gleichauf, vielleicht auch darunter.

Ein Argument namens Geld

Eine nicht unwesentliche Rolle bei der Bewertung spielt auch die Provenienz, womit - abgesehen von der Lichtthematik - die beiden Gemälde eine weitere Gemeinsamkeit haben. Zuletzt waren sie im Belvedere beheimatet und wurden auf Basis der Empfehlung des Kunstrückgabebeirats (vom 29. Juni 2012) am 9. Juli dieses Jahres restituiert bzw. ausgefolgt: an die Erben nach Josef und Auguste ("Gusti") Blauhorn.

Deren Kunstsammlung umfasste ehemals zumindest 145 Werke mit Schwerpunkt Malerei des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Kurz vor ihrer Flucht nach Großbritannien, wo Josef Blauhorn 1944 verstarb, beantragte man deren Ausfuhr.

Zehn Gemälde wurden gesperrt, darunter die genannten von Kupelwieser und Carolsfeld, die Blauhorns Vermögensverwalter Hans Dechant im März 1940 an die Österreichische Galerie Belvedere verkaufte: für insgesamt 5500 Reichsmark, laut Statistik Aus-tria (Verbraucherpreisindex) entspricht das einem Gegenwert von etwa 27.000 Euro.

Jene 135 Posten, für die kein Ausfuhrverbot verhängt worden war, verblieben vorerst in Blauhorns Villa in der Grinzinger Allee. Im September 1941 wurde der verbliebene Rest von der Gestapo beschlagnahmt und teils über das Dorotheum versteigert oder über den Kunsthandel in alle Winde verstreut. Manches tauchte in nachfolgenden Jahren in öffentlichen Sammlungen wieder auf, etwa zwei Aquarelle von Josef Kriehuber - das Bildnis eines Herrn sowie das Porträt der Gattin und Tochter des Künstlers -, die seitens der Albertina ebenfalls im Juli an die Erben nach Blauhorn restituiert wurden.

Anderes spült, wenn auch nur sporadisch, der Kunstmarkt an die Oberfläche. So wollte ein ahnungsloser Besitzer beim Auktionshaus Kinsky jüngst ein prachtvolles Gemälde von Emil Jakob Schindler versteigern lassen, das er in den 1970er-Jahren im Wiener Kunsthandel erworben hatte. Nachforschungen seitens der Experten ergaben jedoch, dass es sich um ein Bild aus der Sammlung Josef Blauhorns handelte: um Scirocco im Anzug (1891), das sich Hans Dechant als Geschenk einbehalten haben dürfte.

Kinsky einigte sich im Vorfeld und unabhängig vom Ausgang der Auktion im April mit den Erben. Eine Bereinigung, die nicht ohne Auswirkung auf den Zuschlag bleiben sollte: Entgegen der angesetzten Taxe (50.000- 100.000) bewilligte ein Wiener Privatsammler stolze 250.000 Euro (inklusive Aufgeld).

Seit damals laufen ebenso Verhandlungen für ein anderes Gemälde: konkret für August von Pettenkofens Rauchendes Zigeunermädchen, das ehemals ebenfalls im Besitz Dechants war. Im Frühjahr 2012 offerierten Giese & Schweiger das malerisch eindrucksvolle Gemälde bei einer Kunstmesse für 48.000 Euro zum Verkauf. Kommissionsware, wie die Wiener Kunsthändler später auf Anfrage erklärten.

Im April ergaben Standard-Recherchen, dass Rudolf Leopold das Werk 1993 im Dorotheum ersteigert hatte: betitelt als Pfeifenrauchender Knabe und zum damaligen Künstlerauktionsrekord von 500.000 Schilling (netto). Nach dem Publikwerden beauftragte Elisabeth Leopold ihren Rechtsanwalt, entsprechende Schritte einzuleiten. Aktuell bestätigt Ernst Ploil, tätig geworden zu sein, wiewohl er auf ein im Frühjahr an die Erben übermitteltes Angebot noch keine Reaktion erhalten habe.

Zurück zu Kupelwieser und Carolsfeld, die nun in der schmucken wie renommierten Privatsammlung des Fürsten Liechtenstein eine endgültige Heimat fanden. Sehr zum Leidwesen des Belvedere, das Interesse an einem Ankauf dieser Zimelie gehabt hätte, wie Direktorin Agnes Husslein-Arco auf Anfrage bestätigt.

In einem Schreiben an die Erben nach Blauhorn hatte sie explizit darum gebeten, in Verhandlungen einbezogen zu werden, sollte man irgendwann und jemals einen Verkauf in Erwägung ziehen. Denn der sei ursprünglich gar kein Thema gewesen, wie auch Erika Jakubovits (IKG) versichert. Insofern muss das wohl über einen Kunsthändler internationalen Formats vermittelte Angebot im Namen des Fürsten ein beachtliches und jedenfalls sehr überzeugendes gewesen sein. (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 5./6.10.2013)

  • Leopold Kuppelwiesers "Zug der Heiligen Drei Könige" (1825): eine Licht-Erfindung (Johann Kräftner), eine Sternstunde (Roman Herzig), eine Ikone (Agnes Husslein-Arco).
    foto: foto: liechtenstein princely collection

    Leopold Kuppelwiesers "Zug der Heiligen Drei Könige" (1825): eine Licht-Erfindung (Johann Kräftner), eine Sternstunde (Roman Herzig), eine Ikone (Agnes Husslein-Arco).

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