Kinder lernen Kalligrafie

7. Oktober 2013, 16:29
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Wie selbst jene, für die Schönschreiben in der Schule ein Gräuel war, die Lust an der eigenen Handschrift entdecken können, zeigt die Kalligrafin Claudia Dzengel

Egal wie dieser Artikel über Claudia Dzengel auch beginnt, egal wie schön er mit Arbeiten der Künstlerin illustriert wird, dem haptischen Erlebnis, das sich beim In-die-Hand-Nehmen ihres Buches einstellt, kann er nicht gerecht werden.

Der Buchdeckel aus robuster Pappe, das Format ungewöhnlich und nicht ganz A4-groß, dicke Papierstärke, abgerundete Kanten und eine sehr ansprechende grafische Gestaltung. Was soll man sagen: Für ein Buch über "Kalligrafie und kreatives Schreiben für Kinder" muss es eben ein bisschen extravaganter sein.

Worum geht's? Schönschreiben hieß das früher in der Schule, ein Wort, das ein gewisses Maß an Erfolgserwartung beinhaltet und nicht bei allen mit den besten Erinnerungen verknüpft ist. Claudia Dzengel kann hier beruhigen: "Auch wenn Kalligrafie die Kunst des Schönschreibens mit der Hand bedeutet - das Wort kommt aus dem Griechischen und setzt sich aus 'kallos' für 'schön' und 'graphein' für 'Schreiben' zusammen -, schreiben wir oft überhaupt nicht schön, sondern wild und ganz frei."

Das kann dann so aussehen wie auf dem oben gezeigten Bild. Dabei geht es vor allem um rhythmisches Schreiben, um den Duktus der Schrift.

Im Buch wendet sich die Kalligrafin direkt an junge Leser und Leserinnen ab zehn Jahren, etwa mit einer Aufgabe wie dieser: "Schreibe folgenden Satz mit deiner Schreibschrift: the quick brown fox jumps over the lazy dog." Was das Besondere an dieser englischen Tieraktivität ist? Der Satz enthält alle Buchstaben des Alphabets und wird deshalb gerne von Kalligrafen geschrieben. Als Nächstes sollen die jungen Leser ihre Eltern, Großeltern und Freunde bitten, den Satz mit ihrer gelernten Schreibschrift zu schreiben. Und Unterschiede, Gemeinsamkeiten, Details entdecken.

Denn Dzengel möchte Lust machen auf den Gebrauch der Schriftsprache, auf den Ausdruck der eigenen Persönlichkeit, auf eine ganz einfache Art des Gehirntrainings unter Verwendung des Kulturguts Handschrift.

Mit Zahnbürste und Strohhalm

Bei der Wahl der Schreibwerkzeuge ist die Kalligrafin kreativ. Da kann es neben den herkömmlichen Utensilien wie Bleistiften, Finelinern, Federn und Balsahölzern auch einmal eine Zahnbürste oder ein angeschnittener Strohhalm sein. Auch Holunderbeeren haben Dzengels Kinder vor kurzem für schreibtauglich befunden. Ebenfalls recht neu im Sortiment sind Schaschlikspieße.

Wenn Dzengel einen ihrer Kinder-Workshops veranstaltet oder in Schulklassen geht, beobachtet sie ein starkes Interesse an historischen Schriften, etwa der "humanistischen Kursive". Das sieht dann aus wie aus einer mittelalterlichen Schreibstube und gehört mit präzisen Angaben über Neigungs- und Federwinkel sowie unterschiedlichen Druckstärken wohl zu den komplizierteren Schriftbildern.

Bei der Arbeit mit Kindern verwendet die Künstlerin auch gerne Musik, etwa Chopins "Polonaise No. 6". Es kamen aber auch schon die Beatles zum Einsatz, je nach Musikgeschmack.

Grundsätzlich empfiehlt sich für Interessierte wohl eine Kombination aus beidem: eine kurze, meist auf zwei Doppelstunden aufgeteilte Einführung durch die Kalligrafin, dann kann man sich beherzt an die "20 Übungen zum Selberschreiben" aus dem Buch machen. Etwa am 30. November in der Buchhandlung Fabelwelt in Wien. (Karin Riss, derStandard.at, 7.10.2013)

  • Claudia DzengelKalligrafie und kreatives Schreiben für KinderG&G Verlagsgesellschaft 201348 Seiten, 18 Euro
    bild: ecowin

    Claudia Dzengel
    Kalligrafie und kreatives Schreiben für Kinder

    G&G Verlagsgesellschaft 2013
    48 Seiten, 18 Euro

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