Jahresvorrat an Metaphern

4. Oktober 2013, 17:41
posten

Der Debütroman "Die Ordnung der Sterne über Como" der Berlinerin Monika Zeiner ist musikalisch, aber nicht in jeder Hinsicht überzeugend

Der Blick der Liebenden und das Auge des Geistes. Untertitel: "Die Bedeutung der Melancholie für den Diskurswandel in der Scuola Siciliana und im Dolce Stil Nuove". Über dieses Mittelalterthema wurde Monika Zeiner, 1971 in Würzburg geboren und seit den frühen 1990er-Jahren in Berlin lebend, promoviert. Ihrem ironisch grundierten ausgreifenden Debütroman hätte sie auch diesen Titel geben können.

Denn um Melancholie, Blicke, Liebe und Geister geht es in dieser Dreiecksliebesgeschichte von Betty, Marc und Tom. Zusätzlich spielt die Musik eine zentrale Rolle. Alle drei leben in den frühen 1990er-Jahren im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg zusammen, machen Musik, zu der ein jeder von ihnen gegen unterschiedliche Widerstände fand. Marc liebt Betty. Doch Betty fühlt sich mehr zum melancholischen Tom hingezogen. Während eines Urlaubs am Comer See verbringen sie eine Nacht zusammen. Marc, der Konsequente, geht in die Berge hoch und kommt ums Leben. Worauf auch die Affäre ein Ende nimmt.

Rund zwölf Jahre später ist Tom, inzwischen geschieden, Kopf einer erfolgreichen Jazz-Weltmusik-Band. Betty dagegen lebt, inzwischen verheiratet, als Anästhesistin in Neapel, folgte so dem bürgerlichen Wunsch ihrer Familie. Sie liest die Ankündigung einer Italien-Tournee von Toms Band, die ihn auch nach Neapel führen wird. Sie schreibt ihm. Und nahezu alles beginnt von neuem. Und endet beim Schlager.

Melancholie einer Generation

Sprachlich reichlich bemüht ist dieser zu lang geratene und in mancher Passage arg phlegmatische Roman. Monika Zeiner dürfte den Jahresvorrat ihres Verlags an Metaphern vorzeitig aufgezehrt haben. Da kratzen erste Sterne an eine blauglühende Kuppel (den Himmel), da liegt die Sonne als Halbscheibe auf dem Meeresrand, da schweben Augenbrauen wie Möwenflügel über ein Gesicht, und ein Lächeln rutscht aus einem Antlitz und zerschellt.

Oft zu gewagt ist diese steile Expressivität, die gesungen eher funktionieren dürfte. Erst recht auf Italienisch.

Zufall, dass Zeiner Sängerin der Gruppe marinafon ist, die sich italienischen Liedguts, "canzone" der 1940er- bis 1970er-Jahre, annimmt? Hätte da ein Lektorat nicht eingreifen müssen? Oder ist nicht gerade diese hyperbarocke Sprachopulenz, nicht selten werden zwei, drei Bilder aufeinandergepropft, das, was den Reiz dieser Prosa ausmacht? Nicht von der Hand zu weisen ist, dass hier, konzeptionell etwas simpel, die Melancholie einer Generation durch Gemächlichkeit gespiegelt wird.

Irgendwo würde er ankommen

Am Ende sitzt Tom in Neapels Hafen. Sieht dort Namen wie Caremar, Tirrenia, Panarea, Möwen kreisen über den Schiffen, natürlich wechselt das Meer seine Färbung, "von Asphaltgrau nach Metallgrau zu Tintenblau". Er beobachtet, er schaut, einen ganzen Tag lang. Die Billetthäuschen schließen, die Reisenden zerstreuen sich, ein magerer Hund taucht kurz auf und verschwindet wieder. Dann geht Tom auf ein im Ablegen begriffenes Schiff zu. "Schon begann die Klappe, sich langsam zu schließen. Er wusste nicht, wohin es fahren würde. Es war ihm egal. Irgendwo würde er ankommen." (Alexander Kluy, Album, DER STANDARD, 5./6.10.2013)

  • Monika Zeiner, "Die Ordnung der Sterne über Como". € 20,60 / 608 Seiten. Blumenbar-Verlag, Berlin 2013
    foto: blumenbar-verlag

    Monika Zeiner, "Die Ordnung der Sterne über Como". € 20,60 / 608 Seiten. Blumenbar-Verlag, Berlin 2013

Share if you care.