Brutales Nehmen und kaum Geben

4. Oktober 2013, 17:44
posten

Clemens Meyers "Im Stein": ein Roman über Lüste, Business, Nachtgestalten, Geld und Emotionen

Dieses Buch ist wie ein Hieb. Wie ein Schlag, dem sofort ein zweiter nachfolgt. Clemens Meyers Roman Im Stein: ein wild glühender Meteor, der in die behäbige deutschsprachige Literaturszene hineinstürzt. Ginge es mit rechten Dingen zu, dann müsste Meyer den Deutschen Buchpreis zugesprochen bekommen. Wenn es mit rechten Dingen zuginge. Dann könnte der 1977 in Halle an der Saale geborene Clemens Meyer, der sich sein Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig im Gegensatz zu seinen Kommilitonen verdienen musste - als Wachmann, als Gabelstapelfahrer und, wenn nichts mehr ging, mit Sozialhilfe -, dasselbe tun wie anno 2008. Als er nämlich den Belletristik-Hauptpreis der Leipziger Buchmesse zugesprochen bekam und 15.000 Euro binnen eines Jahres mit Freunden und auf Partys bis zum letzten Cent verprasste.

Es ist kaum zu glauben, dass Meyer 35 Jahre jung ist. Hubert Selby, der Chuck Palahniuk von Fight Club und Snuff, fast alles von Daniel Woodrell, Charles Portis' The Dog of the South und Robert Irwins Satan Wants Me, alle diese Bücher muss er exzessiv gelesen haben. Ohne epigonal zu sein. Was er mit Im Stein, kryptisch benannt und raffiniert verschachtelt, vorlegt, ist ein Manhattan Transfer, in die Gegenwart gehoben, ins Rotlichtmilieu - eine Ausdrucksweise, die wortreich im Roman selber immer wieder beklagt wird -, in die Arbeitswelt der Huren in Laufhäusern, in Sauna- und FKK-Clubs und in Bordellwohnungen, der Luden, der Investoren in die "Aktie Rot", Gruppierungen der organisierten Kriminalität, die Einzelne buchstäblich aus dem Feld schießen. Lukrativ ist dieses Geschäftsfeld. Denn: "Gebumst wird immer."

Mehr als zehn Jahre hat Meyer Gespräche geführt mit echten Sexarbeiterinnen und Zuhältern. Und erzählt, auf diesen Realien basierend, in 22 Kapiteln eine über 20 Jahre gespannte Saga. Er klagt nicht an, sondern er präsentiert eine vielstimmige Epopöe, wahrhaftig einen Roman unserer Zeit. In fabelhaft geschriebenen Monologen, inneren wie lauten, und Dialogen, inneren wie lautstarken, schildert er diese Halb- und Unterwelt in einer imaginären Stadt im Osten, die in vielem an Leipzig angelehnt ist. Wobei das zarteste Kapitel nach Tokio führt. Clemens Meyer ist wohl derzeit der einzige Autor deutscher Zunge, der tatsächlich mit dem "Ohr" schreibt, der Nuancen, Ausdruckseigenheiten, das Verdruckste und das Selbstbewusste und das Depressive, das bedrängend Angstvolle und die seelische Verengung, der schlechte Kalauer und gröblichst Lustfreies kunstvoll kunstlos aufs Papier bringt, sodass die Redenden tatsächlich lebendig werden.

Erotisch ist da nichts

Gefangene werden hier keine gemacht, worauf der mehrfach variierte Titel anspielt, in diesen Erzählungen von zwei Jahrzehnten Lustbefriedigungsindustrie im deutschen Osten, in denen der "Bielefelder" auftaucht, "AK 47" und "Schweine-Hans", Sex-Unternehmer, die erst reich, dann über den Haufen geschossen werden, im Gegensatz zu einem fischelanten österreichischen Anwalt und Prostituierten, die von Sehnsüchten träumen und bei rabiat geschilderten Akten an ganz anderes denken. Erotisch ist in dieser Eroscenter-Prosa nichts. Schonung gibt es keine. Die Welt ist ökonomischer Darwinismus: brutales Nehmen und kaum Geben. Am Ende sind die Starken die Frauen, und die Loser die Männer. Der Letzte, der über den Unterbauch der Gesellschaft in deutscher Sprache geschrieben hat, dürfte Jörg Fauser gewesen sein, der im Sommer 1987 im Vollrausch auf dem Münchner Stadtautobahnring überfahren wurde. Auch ein Feuilletonschreck. Der der bürgerlichen Hochkultur rotzig den Rücken zuwandte.

Kurz vor Schluss kommen Clemens Meyer allerdings Kraft und Vehemenz abhanden. Die letzten zwei Kapitel muten überflüssig an, die letzten dreißig Seiten matt. Das Buch klingt nicht nur verhalten aus. Sondern ratlos. Rat-frei. Gewünscht hätte man sich kein derart antiklimaktisches Finale, kein Whimper, sondern ein Bang. Wobei: Mit dem letzten Wort hätte Meyer gleich wieder Wortspielallotria getrieben. (Alexander Kluy, Album, DER STANDARD, 5./6.10.2013)

  • Clemens Meyer, "Im Stein". € 23,70 / 560 Seiten. S.-Fischer-Verlag, 2013
    foto: s. fischer

    Clemens Meyer, "Im Stein". € 23,70 / 560 Seiten. S.-Fischer-Verlag, 2013

Share if you care.