Abrechnung mit der Menschheit

4. Oktober 2013, 17:43
posten

Der gewaltige Roman "Nichts von euch auf Erden" von Reinhard Jirgl, Büchnerpreisträger von 2010, liegt 400 Jahre weit in der Zukunft

Sich auf Ungewohntes einlassen. Oder: Literatur dann ernst nehmen, wenn man sich nach den ersten Seiten gern an den Kopf greifen möchte, weil die inhaltliche und sprachliche Durchgeknalltheit nicht zu ertragen ist. Auf alle Fälle wäre es falsch, Reinhard Jirgls fantastische Dystopie der menschlichen Zivilisation, seine pessimistische Sicht auf das kommende kosmische Geschehen als Hirngespinst zu degradieren. Der im Wortsinn gewaltige Roman Nichts von euch auf Erden des Büchnerpreisträgers von 2010 stellt eine Welt vor, die 400 Jahre in der Zukunft liegt und durch und durch eine künstliche ist, digital und total überwacht.

Sci-Fi-Schreiber brauchen einen ausgeprägten Möglichkeitssinn, Jirgl aber erfindet weder putzigen Technik-Schnickschnak noch zerstörerische Aliens, sondern erzählt, kommentiert und führt mit selbstbewusst-prophetischem Fingerzeig vor, wie sich die Menschen selbst vernichten. Die Apokalypse, von sich selbst schreibenden, "morphologischen" Büchern perfide vorangetrieben, ist zugleich Jirgls Abrechnung mit der Menschheit und ein Abgesang auf die Menschlichkeit, eine Anklage von Gier und Machtstreben, ein Aufzeigen von Horrorvorstellungen durch die digitale Allmacht des Staates - "der-Mensch als Minderheit & Parasit der-Maschinen=Welt".

Wer mit Jirgl die Kolonisierung von Mond und Mars miterleben möchte, muss sich auch auf die zu seinem Markenzeichen stilisierte Privatorthografie einlassen. Wozu er Ruf- und Fragezeichen den Sätzen voranstellt, 1 statt "ein" setzt ("an1andergekwätscht"), Hauptwörter schier endlos aneinanderreiht oder den Kasus Instinktiv erfindet, wird nicht ganz klar, es ist wohl seine Vorstellung des Schriftbildes und der Verständigung in ferner Zukunft.

Es jirgelt heftig in der Mitte des 25. Erdzeitjahrhunderts, in dem Ich-Erzähler in Aufregung die Ankunft einer Mars-Delegation beobachten: "Man hat !zugut gerechnet. Mit dem-Leben-auf-dem-Mars. Also. Hat man sich verrechnet. Sie wollten den Mars. Nicht wie er einst gewesen. Sie wollten Die-Erde=noch-einmal. Auf dem Mars. Und. Sie haben Dieerde bekommen. Auf dem Mars. Wie Erde einst gewesen. Die Fahnenstange irrdischer Arroganz. Aber. Nach 8 Generationen Ende der Fahnenstange. Schluß. Ganz offensichtlich gescheitert. Das Terra-Forming. Von der Expedition zur Ex-Pedition. Tot ist tot. Nun kommen SIE wieder. Die Toten. Wollen die Erde wiederhaben."

Es jirgelt heftig

Nach acht Generationen kommt also eine Abordnung vom Mars auf die Erde zurück, weil das Terraforming - ein beliebtes Motiv der Science-Fiction-Literatur - auf dem Roten Planeten misslungen ist. Eine Kopie der Erde samt ihren menschlichen Verhaltensweisen musste auch auf dem Mars scheitern. Die Marsianer wollen die Erde, auf der es nun friedlich ist, zurückhaben. Friede und Freiheit unter den Erdlingen ist das Ergebnis eines lange währenden kontinentalen Teilungsprozesses, der seinen Anfang mit den "Sonnen-Kriegen" Ende des 21. Jahrhunderts nahm.

Nach weiteren verheerenden Weltkriegen um die letzten Energieressourcen, so erfahren wir aus dem einführenden, wissenschaftlich-sperrig verfassten "Buch der Kommentare", beruhigt sich die ausgelaugte Erde allmählich. Es beginnt die Kolonisation des Mondes und später des Mars, wohin "problematische Menschengruppen" evakuiert wurden, ähnlich der Kolonisation des australischen Kontinents im 17. und 18. Jahrhundert durch Sträflinge. Jirgl spiegelt historische Ereignisse, um seine Vorstellung vom zyklischen Lauf der Geschichte zu untermauern. Im Mittelpunkt Europa, das in der erzählten Zeit des Romans wieder die Vormachtstellung in der Welt einnimmt. Doch Jirgl sieht die einstige Wiege der Demokratie im 25. Jahrhundert an einer Schwelle angekommen, nach der sie sich endgültig abschafft. Zu Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes ist es nicht mehr weit.

Es ist ein trügerischer Friede, der bis zur Landung der Mars-Mission herrscht. Jirgl verweist auf das Buch Esra des Alten Testaments, das die Heimkehr der Juden aus dem Exil thematisiert. Im abgeschotteten Europa lebt eine pazifizierte, von oben gesteuerte Gesellschaft: Durch ein genetisches Umgestaltungsprogramm wurden Expansionswille und sexueller Trieb zum Erschlaffen gebracht. Körperliche Berührungen sind verpönt, Sex geschieht durch Speichelaustausch. Geldlos und freundlich wandeln einsame Wesen unter einem Himmelsimitat, das ewige Abendstimmung vortäuscht.

Der in der DDR aufgewachsene Autor schreit auf gegen jegliche Art restriktiver Herrschaftsformen. Jirgl hat auf 500 Seiten auch einen Roman wider das Vergessen geschrieben. Holovisionen zeigen Deportationen, KZ- und Gulag-Gräuel. Er entwickelt große Lust, eine neue Welt, eine Gesellschaft samt Bräuchen, Werten und Umgangsformen zu kreieren. Die Handlung, die der unnahbare Ich-Erzähler vorantreibt, tritt dabei in den Hintergrund. Das Ich, das manchmal auch ein Er ist, muss seine Verlobte zurücklassen, um als Auserwählter im zweiten Teil (" Dersturm") auf den Mars zu fliegen. Dort werden unterirdische Sklavenfabriken und andere Grausamkeiten wie der Verzehr von Kinderhirnen gezeigt. Dann taucht abermals der Fremde in Waranlederschuhen auf ... Was Jirgl hier an Themen kraftvoll stemmt, ist so beeindruckend wie gewöhnungsbedürftig. Er gefällt sich darin, seinen Lesern Geduld abzuverlangen. Er bürstet jedes Wort und wehrt sich gegen Banales, indem er eine metaphernreiche Sprache benutzt, voller Pathos. Zynisch, anklagend und kalt ist Nichts von euch auf Erden - der Glaube an die Wiederholbarkeit der Historie lässt weder Ausweg noch Hoffnung zu. (Sebastian Gilli, Album, DER STANDARD, 5./6.10.2013)

  • Reinhard Jirgl, "Nichts von euch auf Erden". € 27,90 / 512 Seiten. Hanser-Verlag, München 2013
    foto: hanser

    Reinhard Jirgl, "Nichts von euch auf Erden". € 27,90 / 512 Seiten. Hanser-Verlag, München 2013

Share if you care.