"Wählt meine Tochter Strache, enterbe ich sie"

Interview4. Oktober 2013, 14:09
561 Postings

Kabarettist und Autor Dirk Stermann im Gespräch mit seiner 21-jährigen Tochter Hannah Schatz über Mütter, die in der Sonne verblöden, die Grünen und eine junge Frau, die nicht "Stermanns Tochter" genannt werden will

derStandard.at: Wie ist es, mit einem Vater aufzuwachsen, den sehr viele Gleichaltrige cool finden?

Hannah Schatz: Ich glaube, das ist jene Frage, die mir meine Freunde am öftesten gestellt haben. Logischerweise - mich würde es auch interessieren, wie die Kinder von Angelina Jolie und Brad Pitt aufwachsen. Obwohl: Die sind noch ein bisschen höher als du.

Dirk Stermann: Dann wärst du wahrscheinlich eine Vietnamesin.

Schatz: Es gab für mich immer meinen Vater und die Kunstfigur Stermann. Schaue ich "Willkommen Österreich", sehe ich Stermann und Grissemann und nicht meinen Vater und einen anderen Menschen.

derStandard.at: Schauen Sie sich diese Sendungen an?

Schatz: Selten.

Stermann: Ich schau' es mir auch nie an.

Schatz: Wenn, dann live im Studio. Oder wenn die Gäste extrem cool sind. Dann schaue ich es in der ORF-TVthek nach. Meine einzige Bedingung war immer: Ich möchte nicht "Stermanns Tochter" heißen. Das ist nämlich auch schon vorgekommen. Ich heiße Hannah. Ich will nicht die Tochter von jemandem sein.

derStandard.at: Ist das auch ein Grund, warum Sie Psychologie studieren - sich beruflich also wegbewegen von dem, was Ihr Vater macht?

Schatz: Anfangs wollte ich immer Schauspielerin werden. Kabarettistin wollte ich nie werden.

derStandard.at: Das neue Buch "Zweier" ist ein gemeinsames Produkt.

Stermann: Ja. Das war schon bei "Eier" so. Hannah war ein Grund, diese Serie zu beginnen: Sie wollte Fotografie studieren, und das war eine gute Möglichkeit, ihre Fotos, jetzt eben immer von zwei Eiern, zu veröffentlichen. Ihre Lust auf dieses Studium ist zwar längst verflogen, aber beim nächsten Band wird es sicher wieder Fotos von ihr geben - mit jeweils drei Eiern.

Schatz: Ich habe immer schon selbst entschieden, was ich mache. Als ich mit 13 gesagt habe, ich will an der Angewandten studieren, haben meine Eltern gesagt: Schauen wir uns das an. Als ich drei Wochen später gesagt habe, nein, doch nicht, war das auch in Ordnung. Jetzt studiere ich Psychologie.

derStandard.at: Wie würden Sie Ihr neues Buch  beschreiben?

Stermann: Es sind kurze Texte, und dazwischen gibt es eben diese Eierfotos. Nach "Eier" ist das der zweite Band zur Trilogie. Genial, oder? Jetzt braucht niemand nachzudenken, wie das dritte Buch heißen wird.

derStandard.at: Sie haben einmal gesagt, dass nur ein Drittel dessen, was Sie schreiben, völlig erfunden ist. Stimmt das auch hier?

Stermann: Das gilt für die Romane. Bei den Kurzgeschichten stimmt auch einiges, aber nicht so viel.

derStandard.at: Die Freundin aus New York, die fragt, wie viele Kinder in der Klasse metrosexuell sind ...

Stermann: ... die gibt es tatsächlich. Aber im Wesentlichen sind das Texte, die man sehr gut zwischen zwei U-Bahn-Stationen lesen kann.

derStandard.at: Sehen Sie sich als Schriftsteller?

Stermann: Nein. Die Hannah musste früher oft aufschreiben, was ihr Vater von Beruf ist. Sie war dann etwas überfordert und schrieb irgendwann: Papa ist Stermann von Beruf. Das stimmt wahrscheinlich auch.

Schatz: Was sollte ich auch schreiben? Mein Vater schreibt Bücher, tritt als Kabarettist auf, er ist Schauspieler, nimmt CDs auf ...

Stermann: Aber das Schreiben ist sicher das, was mir am meisten Spaß macht.

derStandard.at: Hatten Sie schon einmal den Wunsch, das Kabarett sein zu lassen?

Stermann: Na ja, das macht eigentlich auch Spaß. Das Blöde beim Kabarett ist nur, dass Tourneen ein Jahr im Voraus geplant werden. Da weiß man aber nicht, wie groß die Lust im nächsten Herbst am Freitag sein wird, nach Ried zu fahren. Natürlich fährt man trotzdem.

derStandard.at: Lange Tourneen, wenig zu Hause: Sind Sie rückblickend der Vater gewesen, der Sie sein wollten?

Stermann: Das kann ich nicht sagen. Es stimmt schon, ich war relativ viel weg und dann dafür relativ viel da. Mein Vater war eigentlich immer weg. Er war Beamter, hat jeden Tag lange gearbeitet, und wenn er zu Hause war, wollte er schlafen und seine Ruhe haben. Wir mussten immer leise sein. Hannah, du musstest nie leise sein.

Schatz: Da mein Vater ja nicht ständig da war, haben wir die Zeit, in der er da war, sehr bewusst genutzt. So ist das zumindest in meiner Erinnerung.

Stermann: Wie sagt man da? Ich habe versucht, eine schöne, qualitative Zeit mit meiner Tochter zu verbringen.

Schatz: Irgendwann hatten wir uns ja ausgerechnet, dass du 150 Tage im Jahr weg warst. Dafür warst du sonst die, äh, restlichen Tage - Oida - da!

Stermann: Hast du gerade "Oida" gesagt? Das sagst du nie.

Schatz: Bei dir nicht. Jedenfalls wollten wir die Zeit nutzen. Mehr gestritten habe ich mit meiner Mutter. Aber auch nicht so viel.

Stermann: Ich bin gerne Vater. Wenn ich länger da war, war's klassisch. Als Hannah klein war, war es noch so, dass auf dem Spielplatz gar kein anderer Vater war. Ich saß dann sommerweise mit lauter Frauen da, und gemeinsam sind wir in der Sonne verblödet, weil wir nur auf die Kinder geachtet haben. Das war eigentlich ganz gut.

derStandard.at: Frau Schatz, diskutieren Sie mit Ihrem Vater viel über Politik?

Schatz: Schon auch, aber eher über einzelne, spezielle Punkte. Ich teile die politische Meinung meiner Eltern sehr stark. Und wähle wohl auch ähnlich.

derStandard.at: Sie konnten bei der Nationalratswahl wählen - im Gegensatz zu Ihrem Vater, der Deutscher ist. Wie gefällt Ihnen das Wahlergebnis?

Schatz: Nicht sonderlich. Meine Reaktion ist irgendwo zwischen Lachen und ein bisserl Furcht. Dass die FPÖ so viele Stimmen bekommt, hat mich doch überrascht.

Stermann: Ich glaube, dass es auf lange Sicht die letzte Chance für die Grünen war, in die Regierung zu kommen. Das war's für immer. Wenn du nach diesem Korruptions-Wahlkampf noch immer nicht in die Regierung kommst, dann ist es aus. Die einzige Chance für die Grünen ist, dass sie ausländerfeindlich werden. Dann vielleicht. Aber das ist nicht absehbar.

Schatz: Sehr unwahrscheinlich. Viele, die ich kenne, wählen nur deshalb Grün ...

derStandard.at: ... weil eine Alternative fehlt?

Schatz: Ja. Für mich waren die Neos auch keine.

Stermann: Irritierend ist in Österreich, dass Leute, die aus Protest wählen - was hier oft der Fall ist, weil so viele eh immer alles g'schissn finden wollen -, nur den Reflex haben, nach rechts zu gehen. Warum gibt es keine linken Protestwähler? Wenn ich ein Arbeiter bin, dann wähle ich doch keinen Milliardär, oder?

Schatz: Der Strache bringt das harmloser rüber. Er sagt ja nicht so direkt: Ausländer raus. Aber die Leute verstehen, was gemeint ist. Die Botschaft ist beispielsweise bei einem Grünen-Plakat viel schwerer zu verstehen ...

Stermann: Jetzt ist es die Nächstenliebe. Lustig ist, das stand unter Anführungszeichen. So ähnlich wie am Naschmarkt: Fisch wird "frisch" zubereitet. Aber irgendwie passt das. Für uns junge Männer ist er einfach die geilste Sau.

derStandard.at: Besonders für die Steirer.

Stermann: Ja, das ist schon dämlich von den Steirern. Das Land ist total überschuldet, da macht es doch Sinn, kleinere Gemeinden zusammenzulegen.

derStandard.at: Was wäre, wenn Ihre Tochter sagen würde: Ich wähle den Strache.

Stermann: Das würde mich zuerst sehr wundern. Wenn meine Tochter Strache wählt, enterbe ich sie. Im Ernst: Das kann ich mir nicht vorstellen. Aber natürlich gibt es immer wieder Fälle, wo die Kinder von sehr liberalen Eltern aus Protest gegen das Elternhaus Skinheads werden. Oder, noch radikaler, um die Eltern wirklich zu schocken, ins Kloster gehen. (Peter Mayr, derStandard.at, 4.10.2013)

Dirk Stermann (47) arbeitet seit 1988 als Kabarettist, Autor und Schauspieler in Wien.

Hannah Schatz (21) studiert Psychologie in Wien.

Dirk Stermann
Zweier
Czernin 2013
160 Seiten, 15,90 Euro

Dirk Stermann präsentiert das Buch am 6. Oktober im Theater Rabenhof in Wien.

Weiterlesen

Wenn Kabarettisten Erziehungstipps geben

  • Dirk Stermann und seine Tochter Hannah Schatz.
    foto: cremer

    Dirk Stermann und seine Tochter Hannah Schatz.

  • Sie sehe sich seine Sendungen nur selten an, sagt Hannah Schatz über ihren Vater. Stermann: "Ich mir auch nie."
    foto: cremer

    Sie sehe sich seine Sendungen nur selten an, sagt Hannah Schatz über ihren Vater. Stermann: "Ich mir auch nie."

Share if you care.