Trauma des Jom-Kippur-Kriegs lässt Israel nicht los

4. Oktober 2013, 11:08
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Zum 40. Jahrestag werden die Lehren kontrovers diskutiert

Jerusalem - 40 Jahre nach dem Jom-Kippur-Krieg ist in Israel die Sorge weiter sehr lebendig, dass das Land wie damals überraschend angegriffen werden könnte. Verstärkt werden die Befürchtungen durch die unsicheren Entwicklungen in Syrien, Ägypten und im Libanon sowie durch das iranische Atomprogramm. In zahlreichen Artikeln und TV-Dokumentationen wird seit dem Sommer erörtert, was damals schief lief und was alle Beteiligten daraus gelernt haben.

1973 fiel Jom Kippur, der heiligste jüdische Feiertag, auf den 6. Oktober. Um 02.00 Uhr am Nachmittag rückten die Armeen Ägyptens entlang des Suez-Kanals und Syriens auf dem Golan auf breiter Font vor. Lediglich fünf Stunden zuvor hatte die bis dahin zögerliche israelische Führung die Generalmobilmachung angeordnet.

Die mangelnde Alarmbereitschaft hatte schwerwiegende Folgen: In den ersten Tagen erzielten die Angreifer breite Geländegewinne und konnten nur unter hohen Verlusten (mehr als 2.500 israelische Kriegstote) gestoppt und zurückgedrängt werden. Ein herber Rückschlag, der den Mythos der Unbesiegbarkeit der israelischen Streitkräfte zerstörte, den sie sich mit den Siegen im Sechs-Tage-Krieg von 1967 erworben hatten, als neben Gaza-Streifen und Westjordanland auch der Golan und Sinai erobert worden waren.

Die Bilder von entgeisterten israelischen Kriegsgefangenen auf dem Golan oder eingekesselten Truppen am Suez-Kanal, von den besorgten Gesichtern der politischen und militärischen Führer quälen bis heute das kollektive Gedächtnis im Land.

Bezeichnend für die verzweifelte Lage war, dass Verteidigungsminister Moshe Dayan Ministerpräsidentin Golda Meir vorschlug, nicht-konventionelle Waffen einzusetzen, wenn die Front zusammenbrechen sollte. Wie heute bekannt ist, waren die Atombomben gemeint, deren Besitz Israel nie offiziell bestätigt hat. Meir schloss diese Option aus, wie aus dem Tagebuch von General Chaim Bar-Lew weiter hervorgeht, der als Minister bei der Beratung zugegen war.

Drittel der Israelis rechnet mit Überraschungsangriff

Dank der Friedensverträge mit den Nachbarländern Jordanien und Ägypten und mehrerer Teilabkommen mit den Palästinensern scheint die direkte Umgebung Israels zwar heute etwas weniger feindlich als vor 40 Jahren. Dennoch rechnet knapp ein Drittel der jüdischen Einwohner damit, dass sich ein solcher Überraschungsangriff jederzeit wiederholen könnte, wie eine Umfrage anlässlich des Jahrestages ergab.

Als stärkste Bedrohung wird von der aktuellen Führung unter Ministerpräsident Benjamin Netanyahu und der breiteren Öffentlichkeit das iranische Atomprogramm empfunden. Israel liegt in Reichweite iranischer Raketen. Und dessen Verbündete, die syrische Regierung mit ihren Chemiewaffen und die libanesische Hisbollah-Miliz, operieren gleich hinter den Grenzen. "Wenn Israel allein tätig werden muss, dann wird es das tun", sagte Netanyahu erst diese Woche vor der UNO-Vollversammlung in New York zur drohenden atomaren Bewaffnung des Iran.

"Feinde nie wieder unterschätzen"

Dies veranlasste die linksliberale Tageszeitung "Haaretz", einen direkten Vergleich zum Kippur-Krieg zu ziehen: "Heute wie damals vor 40 Jahren hält Israel stur an seinem Weg fest, indem es sich nur auf sein Militär und die US-Unterstützung verlässt. Dabei verkennt das Land seine Isolierung und die Begrenztheit seiner Kräfte."

1973 hatte Regierungschefin Meir vor dem Krieg ägyptische Gesprächsangebote "als pure Propaganda" zurückgewiesen, was das spätere böse Erwachen als militärisches wie politisches Fiasko erscheinen ließ. Aber die meisten Historiker machen Fehleinschätzungen des Geheimdienstes der Armee für die mangelnde Verteidigungsbereitschaft verantwortlich. Die Truppenmassierungen an den Grenzen wurden nicht ernst genommen.

Selbstkritisch analysierte in diesen Tagen der amtierende Verteidigungsminister Moshe Yaalon, 1973 noch einfacher Soldat: "Eine Ursache unserer Rückschläge zu Beginn der Kämpfe lag an dem falschen Überlegenheitsgefühl, das sich unserer Reihen nach dem Juni-Krieg von 1967 bemächtigt hatte." Die Folge seien "zu großes Selbstvertrauen, Arroganz und Sorglosigkeit" gewesen. "Aber künftig werden wir unsere Feinde nie wieder unterschätzen", versicherte Yaalon. (Jean-Luc Renaudie/AFP/APA, 4.10.2013)

  • Eine israelische Fahne weht im Oktober 1973 am Ufer des Suez-Kanal nachdem israelische Streitkräfte ihre ägyptischen Gegner überrannt haben.
    foto: ap photo)

    Eine israelische Fahne weht im Oktober 1973 am Ufer des Suez-Kanal nachdem israelische Streitkräfte ihre ägyptischen Gegner überrannt haben.

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