Niki Lauda: Alles für das Leben

4. Oktober 2013, 16:56
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Der Formel-1-Film "Rush" über das große Duell Niki Lauda gegen James Hunt wirbt mit dem Slogan "Alles für den Sieg". Doch am 1. August 1976 hieß die Parole am Nürburgring nur "Alles für das Leben". Peter Urbanek wurde als Sportreporter Augenzeuge

"Wie hätten sie Niki Lauda helfen können, die Streckenposten waren doch alle bei der Brotzeit!"

Ich höre noch die aufgeregten Worte von Hans-Joachim Stuck, als er in der Boxengasse des Nürburgrings seinen Eindruck vom furchtbaren Unfall schilderte. In der Retro­spek­tive der damaligen Ereignisse passierte trotz der Furchtbarkeit des Unfalls ein kleines Wunder.

Niki Lauda kommt mit seinem Ferrari von der Strecke ab, exakt an der Stelle, wo er drei Jahre vorher mit dem BRM verunglückte, ein Handbruch war damals die Folge. Der rote Renner fliegt in die Fangzäune, von dort wird er auf die Strecke zurückgeschleudert und gerät in Brand.

Teamkollege Merzario als Rettungsengel

In diesen brennenden Autohaufen krachen die nachfolgenden Hesketh-Piloten, der Österreicher Harald Ertl und der Engländer Guy Edwards. Drei Totalschäden, aber "nur" ein Verletzter, gerade als Rettungsengel und Ferrari-Teamkollege Arturo Merzario seinen Boliden blitzschnell abstellt, um Lauda aus dem Flammenmeer zu bergen.

Dann beginnt das widerwärtige Spiel der Entschuldigungen, Schuldzuweisungen - nach der Tradition der Politiker, die nach verlorener Wahl immer andere für ihr Versagen verantwortlich machen. Harald Ertl entreißt einem tatenlos zusehenden Streckenposten den Feuerlöscher, Kommentar der Rennleitung: Er hätte den Feuerlöscher falsch bedient.

Vom Antihelden zum Sympathieträger

Neutrale Beobachter waren sich schon unmittelbar nach dem Ereignis einig: Die Streckenposten hatten gerade den eigenen Durst gelöscht, als sie dem brennenden Ferrari begegneten. Niki Lauda, obwohl mit damals 27 Jahren noch jung an Jahren, gewann als Antityp des Helden die Sympathie tausender Sportfans, selbst Menschen, die im Autorennsport nicht ihre Träume verwirklicht fanden, imponierte der Mut zur Wahrheit.

Vor dem verhängnisvollen Rennen am Nürburgring hatte Lauda vollkommen richtig auf die sicherheitsmäßig antiquierte Nordschleife mit ihren vielen Mängeln hingewiesen. 22 Kilometer durch den Wald – der später in Le Mans tödlich verunglückte Joakim Bonnier hatte es treffend gekennzeichnet: "Wer die Bäume neben der Strecke bemerkt, ist sicher zu langsam."

Sonnenschein beim Start, Regen, Nebel auf der langen Strecke, unzumutbare Rettungswege mit ewig langen Verzögerungen, mit einem Wort: nicht mehr Grand-Prix-reif.

Als ich sechs Jahre vorher Niki Lauda beim Start in die interna­tionale Motorwelt behilflich war, beeindruckte mich schon damals die analytische Denkweise dieses jungen Mannes. Der deutsche Boulevard griff Lauda vor dem Rennen auf dem Nürburgring untergriffig an, er selbst erklärte uns vor dem Rennen an den Boxen seine Skepsis, leider sollte er recht behalten.

Krasse Gegensätze

Doch nun treten die Politiker, sprich Sportfunktionäre wieder auf den Plan. Huschke von Han­stein, Sportpräsident des Veranstalters AvD, Fürst Metternich, Vorsitzender der FIA, in jüngeren Jahren selbst erfolgreiche Rennfahrer, machten es sich einfach. Sie verwiesen auf Funkprotokolle des Roten Kreuzes, in dem zwischen Unfallmeldung und Transport nur acht Minuten vergangen seien. Ein krasser Gegensatz zu den glaubhaften Aussagen von Harald Ertl, Brett Lunger und weiterer Formel-1-Fahrer inklusive der Streckenposten, die einstimmig die langsame Rettungsaktion beklagten.

Vorschriften wurden zitiert, dass Ambulanzen nur an bestimmten Stellen fahren dürften, ohne Rücksicht auf die Schwere der Verletzung des Opfers. Die Funktionärskamarilla entblödete sich nicht, am Abend des 1. August ein Bulletin zu veröffentlichen, worin sich Niki Lauda für die schnelle Rettung bedankte, die Rettungsaktion sei prompt, die Sicherheitsvorkehrungen seien besser denn je gewesen. Zu diesem Zeitpunkt kämpfte der Weltmeister im Spital um sein Leben.

Weitere Abflüge

Im nach dem Unfall neu gestarteten Rennen flogen Peterson, Brambilla, Depaillier von der Strecke, Regazzoni landete in den Leitschienen, so viel zum Thema Sicherheit an diesem Tag.

Trotz aller Schönfärberei strich die FIA später die Nordschleife aus dem WM-Kalender.

Ferrari verfrachtete am Abend das Wrack von Laudas Wagen blitzschnell Richtung Italien, die Beschlagnahme des Lotus nach dem Todessturz Jochen Rindts 1970 war eine Warnung.

Der als Ersatz für Lauda genannte Maurizio Flammini blieb ein Name ohne Wert. (Peter Urbanek, DER STANDARD, 4.10.2013)

 

  • Niki Lauda hatte vor dem Rennen auf Sicherheitsmängel am Nürburgring hingewiesen, der deutsche Boulevard reagierte untergriffig. Nach dem verhängnisvollen Rennen vom 1. August bot die Funktionärskamarilla eine entwürdigende Vorstellung.
    foto: atp

    Niki Lauda hatte vor dem Rennen auf Sicherheitsmängel am Nürburgring hingewiesen, der deutsche Boulevard reagierte untergriffig. Nach dem verhängnisvollen Rennen vom 1. August bot die Funktionärskamarilla eine entwürdigende Vorstellung.

  • Niki Lauda, der für den Transport ins Krankenhaus versorgt wird.
    foto: dpa

    Niki Lauda, der für den Transport ins Krankenhaus versorgt wird.

  • Niki Lauda am 8. September 1976 bei einer Pressekonferenz in Salzburg, wo er ankündigte, nach der Genesung wieder Autorennen zu fahren.
    foto: dpa

    Niki Lauda am 8. September 1976 bei einer Pressekonferenz in Salzburg, wo er ankündigte, nach der Genesung wieder Autorennen zu fahren.

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