Endlich Ruhe zwischen den Polen

9. Oktober 2013, 17:04
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Magnetfelder machen Uhren krank - Jetzt wurde ein Zeitmesser entwickelt, der immun gegen die mysteriösen Kräfte ist

Feuchtigkeit, Staub, Stöße - die Gefahren für mechanische Uhren sind mannigfaltig. Nichtsdestotrotz haben die Entwickler diese Unannehmlichkeiten ganz gut im Griff. Hinzukommt ein weiterer Feind der Ganggenauigkeit: Magnetismus. Man braucht dazu nicht an den Nordpol zu reisen, wo das Magnetfeld der Erde so stark ist, dass es die Funktion des Uhrwerks negativ beeinflusst.

Auch wer seinen Zeitmesser schon einmal längere Zeit in der Nachbarschaft zum Beispiel eines iPads liegengelassen hat, kann ein Lied davon singen. So wie jener RONDO-Kollege, der seine "Max Bill" von Junghans mit den typischen Symptomen der Magnetisierung zum Uhrendoktor bringen musste: Sein Zeitmesser tickte nicht mehr richtig und ging vor.

Wartungstipps der Luxusuhrenbauer

Schuld daran sind Permanentmagneten, die im Tablet verbaut sind. Nutzt man auch noch eine Hülle, die mittels Magnet am iPad pickt, potenzieren sich die Magnetfelder. Aber auch Mobiltelefone, Lautsprecher, selbst Küchengeräte erzeugen (elektro-)magnetische Felder. Sie beeinflussen die empfindlichen Teile der Mechanik, die bei traditionellen Uhren vielfach aus magnetisierbaren Metallen bestehen.

Beispielsweise die Spirale, die als Bestandteil der Unruh wesentlich ist für die Ganggenauigkeit. Vereinfacht gesagt: Ist eine Spirale magnetisiert, wickelt sie sich nicht mehr komplett auf, der Weg der Unruh wird kürzer, die Uhr läuft schneller oder bleibt sogar stehen.

Entfernt man die Uhr aus dem Magnetfeld, läuft sie wieder, wenn auch ungenau. Das Problem ist der Restmagnetismus, der sich in magnetisierbaren Metallen, etwa im Edelstahlgehäuse, hält. Meist genügt es, die Uhr zum Uhrmacher seines Vertrauens zu bringen, um sie dort entmagnetisieren zu lassen. Liest man sich die Wartungstipps der Luxusuhrenbauer - von Patek Philippe bis IWC - durch, wird dezidiert darauf hingewiesen, sich seinen Zeitmesser von Zeit zu Zeit entmagnetisieren zu lassen.

Antimagnetischer Anfag

Dieser Vorgang dauert zwar nur wenige Minuten und kostet nicht viel. Trotzdem versuchen Uhrenentwickler seit mehr als 150 Jahren die Sache bei der Wurzel zu packen, also eine antimagnetische Uhr zu entwickeln - schließlich war und ist die Ganggenauigkeit das hervorstechendste Qualitätskriterium für eine mechanische Uhr. So begannen schon vor 1900 führende Uhrenhersteller, antimagnetische Uhren zu bauen. Es wurde an neuen Materialien und Techniken geforscht.

Heute gibt es eine eigene Norm, DIN 8309 bzw. ISO 764, die festlegt, was eine Uhr aushalten muss, damit sie sich als antimagnetisch bezeichnen darf: Wenn sie einem Magnetfeld von 4800 Ampère pro Meter (A/m) bzw. 6 Millitesla (mT) ausgesetzt werden kann, ohne danach wesentliche Funktionsstörungen aufzuweisen. Wobei A/m die physikalie Einheit für die magnetische Feldstärke und mT für die magnetische Flussdichte ist.

Uhrwerk im Käfig

Jedenfalls sind die angegebenen Werte vergleichsweise gering. Denn ein Subwoofer beispielsweise hat direkt am Lautsprecher eine Magnetstärke von rund einer Million A/m. Daher haben Uhrenhersteller immer wieder versucht, Uhren zu bauen, die über der definierten Norm liegen, die dem Hundertfachen oder mehr widerstehen. Um dies zu bewerkstelligen, kann man einerseits das Werk gegen magnetische Einflüsse abschirmen oder andererseits Metalle und Legierungen innerhalb des Werks durch solche ersetzen, die für Magnetismus nicht anfällig sind. Auch eine Kombination aus beiden Möglichkeiten ist denkbar.

Ersteres geschieht mit einer Art Faraday'schen Käfig aus nicht magnetisierbaren Weicheisen, der das Uhrwerk allerdings komplett umfassen muss. Das ist beispielsweise bei der "Milgauss" von Rolex der Fall, bei der "Ingenieur" von IWC, der "Luminor Submersible 1950 Amagnetic" von Panerai oder verschiedenen Zeitmessern des Spezialuhrenherstellers Sinn (Frankfurt). Dieser Schutzpanzer stößt aber bei Werten von über 1000 Gauss (bennannt nach dem Entdecker des irdischen Magnetfeldes, Karl Friedrich Gauss) an seine Grenzen.

Der Stein der Weisen

Das demonstrierte Jean-Claude Monachon, Chef der Produktentwicklung bei Omega, mit einem Magneten an Uhren der Konkurrenz in München und zuvor auf der Baselworld. Die Uhren blieben auf der Stelle stehen, während der neu entwickelte Chronometer "Omega Seamaster Aqua Terra > 15.000 Gauss" unter denselben Bedingungen fröhlich weitertickte. Dem Bieler Unternehmen ist es nämlich gelungen, die erste antimagnetische Uhr der Welt zu entwickeln, der auch Magnetfelder mit einer Stärke von 1,5 Tesla (= 15.000 Gauss) nichts anhaben können. Die Fachpresse sprach vom "Stein der Weisen".

Dahinter steckt allerdings keine Alchemie, sondern rund zwei Jahre Entwicklungsarbeit eines zwölfköpfigen Teams, bestehend aus Ingenieuren der Swatch Group (zu der Omega gehört), die das Omega Co-Axial Kaliber 8508 durchleuchteten, alle magnetisierbaren Komponenten entfernten und durch amagnetische ersetzten. Mit von der Partie sind unter anderem Silizium, Titan, speziell behandelter Stahl, Flüssigmetall und Nickel. Neun Patente schützen die Konstruktion.

Diese Uhr könnte also für medizinisches Personal interessant sein, das zum Beispiel mit Magnetresonanz-Tomografen zu tun hat - oder für Nordpolexpeditionen. Oder für den Kollegen. (Markus Böhm, Rondo, DER STANDARD, 4.10.2013)

  • Lässt sich nicht aufhalten: Die "Seamaster Aqua Terra > 15.000 Gauss" von Omega ist die erste antimagnetische Uhr der Welt. In dem amtlich geprüften Chronometer wurden alle magnetisierbaren Komponenten entfernt und durch amagnetische aus unter anderem Silizium oder Titan ersetzt. Preis: 4890 Euro
www.omegawatches.com
    foto: hersteller
    Lässt sich nicht aufhalten: Die "Seamaster Aqua Terra > 15.000 Gauss" von Omega ist die erste antimagnetische Uhr der Welt. In dem amtlich geprüften Chronometer wurden alle magnetisierbaren Komponenten entfernt und durch amagnetische aus unter anderem Silizium oder Titan ersetzt. Preis: 4890 Euro
  • >>> zur Rondo-Coverstory
    foto: irina gavrich
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